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Vienna Legal Innovation ´26

Nicht nur Paragraphen, sondern auch Algorithmen verstehen: Interview mit Wolfgang Raschka

Wolfgang Raschka ist Lead Lawyer Commercial Law bei Siemens Österreich. Im Interview verrät er, warum er überzeugt ist, dass der menschliche Faktor entscheidend bleibt. Auch wenn Rechtsabteilungen gerade viel mit KI experimentieren

Business Circle: Sehr geehrter Herr Raschka, in unserem Interview mit Business Circle vom September 2024 sprachen wir über „hybride Führung“ in Rechtsabteilungen als Schlüssel für moderne Zusammenarbeit. Seitdem ist viel passiert, insbesondere mit Blick auf Digitalisierung und Legal Tech. Welche Erfahrungen haben Sie seitdem gesammelt?

Wolfgang Raschka: Seit unserem Gespräch 2024 hat sich die 'hybride Führung' in unserer Rechtsabteilung nicht nur etabliert, sondern ist quasi erwachsen geworden! Kommunikation funktioniert durchgängiger und sicherer, auch dank der regelmäßigen Awareness-Bildung. Arbeitsmodelle und vor allem Vorgaben in unserem Unternehmen werden flexibler. Die Anwendung digitaler Hilfen nimmt im Monatsrhythmus zu. Wir haben sicher gelernt, dass Technologie zwar ein großartiger Butler ist, aber kein Ersatz für den menschlichen Faktor. Die größte Erkenntnis? Selbst die schickste KI braucht noch immer einen Menschen, der ihr sagt, wo der Hammer hängt – und im Idealfall auch, wie man ihn mit Freude schwingt. Zu erlernen, wie man mit Prompts und Bots umgeht, hat meine Kolleg:innen und mich seit dem letzten Jahr sehr regelmäßig begleitet und unseren Entdeckergeist geweckt.

BC: Rechtsabteilungen experimentieren mit KI und Legal-Tech-Tools. Welche Haftungsrisiken sehen Sie speziell bei gescheiterten KI-Projekten — und wie bereitet man sich darauf rechtlich vor?

Raschka: Gescheiterte KI-Projekte? Das ist wie ein schlecht programmierter Staubsaugerroboter: Er macht viel Lärm, aber am Ende liegt der Dreck immer noch da – und im schlimmsten Fall hat er die Katze erschreckt. Die Haftungsrisiken liegen in der 'Black Box'-Natur der KI, einem oft zu optimistischen Erwartungsmanagement und einem Mangel an Kontrolle der KI-generierten Ergebnisse. Mein Rat: Lieber mit bewährten Use-Cases starten, die KI sorgfältig trainieren und testen, statt auf der grünen Wiese das Rad neu zu erfinden. Denn am Ende des Tages haftet nicht die KI, sondern der Mensch, der sie in die Welt gesetzt hat – oder sie nicht richtig beaufsichtigt hat. Ein bisschen wie bei der Kindererziehung, nur mit weniger Schlafmangel. Bei KI-Projekten scheint es mir vertraglich neben Altbewährtem vor allem wichtig zu sein, eine iterative Lösungsentwicklung abzubilden und Exit-Szenarien zuzulassen. Bei der Entwicklung neuer Lösungen ist es natürlich von großer Bedeutung, die gängigen EU Regularien betreffend KI und Cybersicherheit einzuhalten und die Lösungen entsprechend zu bewerten, zu kennzeichnen und zu deklarieren.

BC: Aus Ihrer Erfahrung: Welche Faktoren sind zentral, damit ein Legal Tech- Transformationsprojekt erfolgreich wird? (z. B. Kommunikation, Beteiligung von Fachbereichen, flexible Vertragsmuster, Governance …).

Raschka: Der Erfolg eines Legal Tech-Projekts hängt nicht nur von der Technologie ab, sondern vor allem von den Menschen, die sie nutzen sollen. Meine Top-Faktoren? Erstens: Klare Kenntnis der Probleme, die gelöst werden sollen – kein 'Schnickschnack für den Schnickschnack'. Zweitens: Ein agiles Projektteam mit der richtigen Mischung aus Fach-, Geschäfts- und IT-Experten, die miteinander statt übereinander reden und den Innovationsgeist teilen. Drittens: Kommunikation, die so klar ist, dass selbst ein Jurist sie versteht. Viertens: Ein Quäntchen Mut und Entscheidungsfreudigkeit, die auch mal ein Scheitern schulterzuckend akzeptiert und als Lernchance begreift. Denn wer heute noch auf starre (Vertrags-)Muster setzt, während die Welt sich dreht, der verpasst den Anschluss – und vor allem die Freude am Gestalten der Zukunft.

BC: Was sind dabei die typischen Widerstände oder besondere Schwierigkeiten — und wie wurden diese überwunden?

Raschka: Die größten Widerstände? Oft sitzen sie nicht in der Technik, sondern in den Köpfen. Die Skepsis gegenüber Neuem ist tief verwurzelt – besonders bei Jurist:innen, die ja bekanntlich die Hüter des Bestehenden sind. Wir Jurist:innen bei Siemens haben das überwunden, indem wir nicht mit der Brechstange kamen, sondern mit dem 'Aha-Effekt' und der Freude am gemeinsamen Entdecken. Wir hielten gemeinsame Learning Sessions, lernten gemeinsam Bots und Prompts zu schreiben, führten AI-Ambassadors bei uns ein, engagierten uns als First User für Testsoftware und setzten auf sukzessive Nutzung von Anwendungen. Das machte den Nutzen rasch greifbar und erzeugte hohe Motivation. Ein bisschen gesunder Wettbewerb schadet nie – auch nicht in der Rechtsabteilung, wenn er den Pioniergeist weckt.

Nicht versuchen, die eierlegende Wollmilchsau aus dem Hut zu zaubern

BC: Haben Sie ein konkretes Beispiel, wo ein KI- oder Legal-Tech-Projekt zunächst gescheitert ist — und später anhand der Erkenntnisse erfolgreich neu aufgesetzt wurde?

Raschka: Ich kann nicht von einem gescheiterten Projekt berichten, aber sicher davon, dass wir uns manchmal vermutlich zu viel vorgenommen haben und schlicht redimensionieren oder einen Gang zurückschalten mussten. Wir haben bei Siemens gelernt, dass man nicht die eierlegende Wollmilchsau aus dem Hut zaubern muss. Stattdessen wählen wir potentielle Lösungen weise aus, testen sie und legen sie auch mal ad acta, wenn sie nicht passen. 'Invented by us' ist im Legal-Bereich nicht zwingend nötig. Meine Devise: Nicht krampfhaft durchpeitschen, sondern agil neu justieren – mit Fokus auf pragmatische Lösungen und einer Prise Realismus. Und ich darf verraten, dass wir bei der Vienna Legal Innovation genau über derartige Erfahrungen berichten werden, wo wir gelernt haben, dass man manchmal einen Schritt zurückgehen muss, um zwei nach vorne zu machen – und dabei die Leichtigkeit des Lernens nicht verliert.

BC: Welche neuen Kompetenzen werden Juristen in Ihrer Meinung nach zukünftig brauchen — und wie verändert das die Ausbildung, Weiterbildung und den Arbeitsalltag?

Raschka: Die Jurist:innen der Zukunft werden nicht nur Paragraphen, sondern auch Algorithmen verstehen müssen. Es geht nicht mehr nur darum, Recht zu finden, sondern auch darum, es zu 'coden' oder zumindest zu verstehen, wie es von Maschinen verarbeitet wird. Das bedeutet für die Ausbildung: Mehr 'Computational Law' und weniger 'Auswendiglernen'. Mehr Zukunftssehnsucht und weniger Vergangenheitsliebe. Praxisbezug wird sehr wichtig bleiben und der sichere Umgang mit geschriebener und gesprochener Sprache wird weiterhin ein großes Asset für unsere Zunft darstellen. Im Arbeitsalltag werden Jurist:innen zu 'Legal Engineers', 'Legal Designers' oder 'Legal Project Managers', die nicht nur Probleme lösen, sondern auch Prozesse gestalten und Entwicklungen koordinieren. Und ja, Humor, Spaß an der Arbeit und die Fähigkeit, über den Tellerrand zu blicken, werden wichtiger denn je. Denn wer nur in Gesetzesbüchern liest, verpasst die digitale Revolution – und die spannende Reise, sie mitzugestalten.

BC: Daran anschließend: Was würden Sie einer jungen Jus-Studentin raten, die eine Karriere als Corporate Legal Counsel anstrebt?

Raschka: Der jungen Jus-Studentin würde ich raten: Sei neugierig, sei mutig und sei vor allem du selbst! Die Welt des Rechts wandelt sich rasant, und die besten Corporate Legal Counsel sind diejenigen, die nicht nur das Gesetz kennen, sondern auch die Geschäftswelt verstehen. Lerne zu programmieren, auch wenn es nur die Grundlagen sind. Vernetze dich, sei offen für neue Technologien und scheue dich nicht, auch mal unbequeme Fragen zu stellen. Und ganz wichtig: Bewahre dir deinen Humor und deine Lebensfreude, denn Recht lässt Raum für 'Spaß an der Freude' – das macht den Arbeitsalltag um einiges leichter. Und denk dran: Die Zukunft gehört denen, die sie gestalten – nicht denen, die nur darüber reden. Also, Ärmel hoch und mit Pioniergeist ans Werk!

BC: Sehr geehrter Herr Raschka, vielen Dank für dieses Gespräch und die praxisnahen Einblicke die eben nicht vor Angst und Sorgen, sondern von Technologie, Neugier und Pioniergeist geprägt sind.

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