TOPICS

EVENTS

Real Estate Circle

Relevanz und Wirkung statt Überregulierung: Nachhaltigkeitsreporting für Immobilien-Mid-Caps. Interview mit Oliver Pessoa-Huber

Oliver Pessoa-Huber ist Managing Director Sustainable Innovations & ESG bei Michaeler & Partner in Wien. Wir sprechen darüber, wie die Immobilienbranche zwischen Regulatorik, Datenflut und Greenwashing nachhaltig und erfolgreich agieren kann.

Business Circle: Sehr geehrter Herr Pessoa-Huber, Sie sind Managing Director Sustainable Innovations & ESG bei Michaeler & Partner in Wien. Möchten Sie uns eingangs kurz beschreiben, wie Sie Ihr Weg dorthin geführt hat?

Oliver Pessoa-Huber: Ich bin von der „klassischen“ Unternehmensberatung, mit Fokus auf Prozessoptimierung & Organisationsentwicklung, damals in die Immobilienbranche gewechselt. Dort habe ich als Executive Assistant to the Management Board bei einem börsennotierten Immobilienentwickler viele Vorstandprojekte begleitet und teilweise geleitet, eines davon war der konzernweite Aufbau des Themas Nachhaltigkeit und ESG. Dabei habe ich damals, 2019, schnell gemerkt welche Auswirkungen und vor allem Relevanz das Thema für die Branche, und die Wirtschaft generell, bringen wird. Seitdem helfe ich Unternehmen, Anfangs noch auf Kundenseite, jetzt als Berater Nachhaltigkeitsstrategien zu entwickeln und umzusetzen als auch ESG-Risiken korrekt zu identifizieren und um treffsicher entgegenzuwirken und ihre Geschäftsmodelle für die Zukunft resilienter aufzustellen.

BC: In einem früheren Interview hat Ihr Kollege Roman Kopacek betont, wie stark Krisen bestehende Vertrags- und Risikomodelle im Immobilienbereich auf die Probe stellen. Hat die ESG-Regulierung aus Ihrer Sicht eine ähnliche systemische Wirkung – oder ist sie am Ende doch „nur“ ein Reporting-Thema?

Pessoa-Huber: ESG ist definitiv kein Reporting-Thema – das ist aus meiner Sicht eine der größten Fehlinterpretationen der letzten Jahre. ESG ist vielmehr ein mittel- bis langfristiger strategischer Hebel und sollte ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie sein, nicht ein paralleler Prozess.

Im Kern geht es um eine neue Art zu wirtschaften: weg von linearen Modellen hin zu zirkulären Ansätzen, bei denen Ressourcen und Kapital effizienter und nachhaltiger eingesetzt werden. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf Geschäftsmodelle, Investitionsentscheidungen und Risikobewertungen.

Auch wenn durch die Omnibus-Initiative der EU-Kommission der Reporting-Druck aktuell etwas nachgelassen hat, bleiben die grundlegenden Herausforderungen unverändert. Unternehmen, die ESG nur als Berichtspflicht verstehen, unterschätzen die systemische Dimension – und damit auch die langfristigen Risiken und Chancen.

BC: In Europa spricht seit Jahren von der „Circular Economy“ und daran, dass die Bau- und Immobilienbranche ein großer Hebel sein könnte – aber die Recyclingquote ist nicht signifikant gestiegen. Liegt das Scheitern an fehlender Technologie, oder eher an falschen Anreizen?

Pessoa-Huber: Lösungen sind teilweise bereits vorhanden – sie werden aber schlicht zu wenig wirtschaftlich attraktiv gemacht und haben teilweise auch noch mit regulatorischen Hürden zu kämpfen. Solange Primärmaterialien auch noch günstiger sind, weil nachgelagerte externe Effekte nicht eingepreist werden, wird es schwierig sein die Branche davon zu überzeugen tatsächlich zirkulär zu agieren und weg vom linearen Denken à la „bauen, nutzen, entsorgen“ zu kommen.

BC: Wie lassen sich am besten valide Daten gewinnen, die sowohl fürs Sustainability Reporting als auch für die Strategieentwicklung eine stabile Basis liefern?

Pessoa-Huber: ESG-Daten entstehen im operativen Geschäft – nicht im Reporting. Sie müssen daher auch dort erhoben und richtig „betreut” werden – in der Planung, im Bau, im Betrieb und Asset Management. Gleichzeitig braucht es ein klares Verständnis dafür, welche Daten tatsächlich entscheidungsrelevant sind und einen Mehrwert für Unternehmen bringen. Der Fokus sollte daher stärker auf Qualität und Anwendbarkeit liegen – also auf Daten, die strategische Entscheidungen unterstützen und nicht nur regulatorische Anforderungen erfüllen.

KI-Einsatz: Gute Systeme werden besser – schlechte werden nur schneller schlecht.

BC: Welche Rolle können KI-gestützte Systeme bei einer Effizienzsteigerung und Automatisierung des eigenen Nachhaltigkeitsreportings spielen?

Pessoa-Huber: KI kann ein sinnvolles Werkzeug sein – aber nur, wenn die Basis stimmt und die Richtung klar vorgegeben ist. Sie kann Reporting unterstützen, Daten konsolidieren und Muster erkennen. Der größte Mehrwert liegt aber nicht im Reporting, sondern in der Steuerung: Energie, Materialien, Effizienz. KI skaliert das, was bereits da ist und solide verankert ist – nicht nur in der Nachhaltigkeit. Gute Systeme werden besser – schlechte werden nur schneller schlecht.

BC: Gibt es – speziell für Immobilien-Mid-Caps - ein paar Grundregeln, um sich möglichst effizient gegen Greenwashing-Vorwürfe zu wappnen?

Pessoa-Huber: Nachhaltigkeit muss nicht das Kernthema sein, sollte aber auch nicht einfach neben dem Kerngeschäft vernachlässigt mitlaufen. Ich sage meinen Kunden immer, dass durch Nachhaltigkeit & ESG die Art wie gewirtschaftet wird einfach verändert bzw. erweitert wird. Durch diese Integration bzw. Erweiterung der Unternehmensstrategie, reduziert sich das Risiko von Greenwashing automatisch aber auch der Mehrwert, den ich dadurch erhalte, steigt.

Gerade Mid-Caps müssen hier die richtigen Prioritäten setzen: nicht möglichst viele Themen & Maßnahmen, sondern die richtigen – solche, die zu meinem Unternehmen und Kernkompetenzen passen, einen echten Mehrwert schaffen und gleichzeitig zur langfristigen Resilienz beitragen.

Um das alles in Grundregeln zusammenzufassen würde ich folgende nennen:

a. Fokus auf Fakten schaffen mit realer Wirkung statt auf reine Kommunikation

b. Klare, belastbare Datenbasis

c. Konsistenz über das gesamte Portfolio hinweg

d. Transparenz schaffen, auch über bestehende Herausforderungen und wie damit umgegangen wird

Am Ende geht es darum, sich als verlässlicher, langfristig stabiler Partner für Banken, Investoren und Kunden zu positionieren. Und das gelingt nur durch glaubwürdige, strategisch verankerte ESG-Ansätze.

BC: Abschließend etwas Persönliches: Sie kennen Business Circle schon als Teilnehmer und haben jetzt den Sprung auf die Vortragsbühne geschafft, herzlichen Glückwunsch dazu! Was ist für Sie das Besondere an unseren Konferenzen und speziell am Real Estate Circle?

Pessoa-Huber: Ich bin bereits in den Jahren zuvor am Real Estate Circle, anderen Business Circle Formaten, und einigen weiteren Veranstaltungen und Konferenzen auf der Bühne vertreten gewesen. Es freut mich jedes Mal, entweder im Rahmen eines Vortrags meinen Zugang zu Themen teilen zu dürfen oder in einem Panel mitzudiskutieren. Als ein Vertreter der etwas „jüngeren” Generation der Immobilienbranche finde ich es immer besonders erfrischend, dass sich beim REC sämtliche Teilnehmer:innen auf Augenhöhe begegnen, bereit sind, sich neue Zugänge anzuhören und wichtige Impulse mitzunehmen, um in Ihren eigenen Organisationen etwas zum Besseren zu verändern.

BC: Sehr geehrter Herr Pessoa-Huber, herzlichen Dank für das tolle Feedback. Und auch für Ihre ehrlichen Einschätzungen, dass echte Transformation nicht im Reporting beginnt, sondern im operativen Geschäft. Wir freuen uns, beim Real Estate Circle noch mehr davon zu hören.

Text Link
Finance, Legal & Tax
Text Link
Real Estate