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Warum in der chemischen Industrie Effizienz und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sind

Von Dr. Ralf Düssel, Senior Vice President und Chief Sustainability Officer, Evonik: Klimaziele ohne Umsetzungsplan, Regulierungen ohne Wirkung: Wo steht Nachhaltigkeit wirklich? Und welche Rolle spielt dabei die Chemiebranche?

Effizienz als ein Schlüssel: Nachhaltigkeit neu denken

Im November 2025 endete die 30. Weltklimakonferenz. Die Erwartungen waren gedämpft, die Ergebnisse dennoch für viele ernüchternd. Zwar gibt es mehr Geld für den Schutz des Regenwalds und das Versprechen für mehr Klimahilfen für ärmere Länder. Auf einen verbindlichen Fahrplan zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas einigten sich die Länder jedoch nicht. Der wohlklingenden Abschlusserklärung folgten daher auch in diesem Jahr die Zweifel an der konkreten Umsetzung auf dem Fuße. Und so bleibt das zentrale Anliegen der Konferenz ungelöst: Wie gelingt es, wirtschaftliches Wachstum und soziale Entwicklung innerhalb der planetaren Grenzen zu gestalten?

Nachhaltigkeit – ein Begriff mit vielen Dimensionen

Nachhaltigkeit ist kein neues Konzept – ihre Wurzeln reichen bis ins 18. Jahrhundert. 1713 formulierte Hans Carl von Carlowitz in seiner „Sylvicultura oeconomica“ das Prinzip, nur so viel Holz zu schlagen, wie nachwachsen kann. Damit setzte der Oberberghauptmann den Rahmen für das bis heute gültige Verständnis von Nachhaltigkeit: Ziel ist, die Bedürfnisse der Gegenwart zu erfüllen, ohne künftigen Generationen die Möglichkeit zu nehmen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.

Was als forstwirtschaftliche Regel begann, entwickelte sich über die Jahrhunderte zu einem Leitbild für Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt: Ressourcen schonen, Effizienz steigern, soziale Verantwortung übernehmen. Gerade die soziale Dimension der Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren wieder stärker in den Fokus gerückt. Das macht deutlich: Nachhaltigkeit ist mehr als Klimaschutz. Sie umfasst gleichrangig ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Aspekte.

Dass Fortschritt und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sein müssen, zeigt die chemische Industrie seit mehr als 150 Jahren. Die Branche ist seit jeher darauf ausgerichtet, Prozesse effizienter zu gestalten – weniger Energie, weniger Rohstoffe, weniger Abfall. Mit der Industrialisierung verschob sich der Fokus von reiner Ressourcensicherung hin zu technischen Innovationen.

Das Haber-Bosch-Verfahren, ab 1913 industriell genutzt, revolutionierte die Düngemittelproduktion und sicherte die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung. Gleichzeitig verursachte es einen erheblichen Energiebedarf: Ein bis zwei Prozent des weltweiten Energieverbrauchs sollen Schätzungen zufolge noch heute auf dieses Verfahren zurückzuführen sein – und damit auch ein entsprechender Anteil der weltweiten CO₂‑Emissionen. Kontinuierliche Prozessoptimierung, Wärmerückgewinnung und der Einsatz nachhaltiger Rohstoffe wie grünem Wasserstoff können helfen, den Fußabdruck weiter zu minimieren.

Schwefelsäure wird oft als „Arbeitspferd“ der Chemie bezeichnet, weil sie in fast allen Industriezweigen gebraucht wird. Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts nutzten Statistiker die jeweiligen Produktionsmengen eines Landes, um seinen technischen Fortschritt und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit abzuschätzen. Das Kontaktverfahren, das 1890 erstmals industriell genutzt wurde, um Schwefelsäure herzustellen, senkte den Rohstoffverbrauch und verringerte Emissionen im Vergleich zu früheren Methoden. Entwickelt wurde es auch als Reaktion auf Umweltprobleme wie Waldschäden durch Schwefeldioxid – ein Thema, das bereits im 19. Jahrhundert zu Gerichtsprozessen führte.

In der heutigen Zeit soll das Schließen von Stoffkreisläufen weitere Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit ermöglichen. Dabei sind es Firmen wie Evonik, die vorweggehen. Mit einem neuen Hydrolyseverfahren kann das Essener Chemieunternehmen Polyurethan-Schäume in ihre chemischen Grundbestandteile, Polyol und Toluoldiamin zerlegen. Damit könnte neuer Schaumstoff künftig fast vollständig aus Rezyklat hergestellt werden.

Die Chemieindustrie und die soziale Frage

Doch Nachhaltigkeit war nie nur eine technische Herausforderung. So brachte etwa die industrielle Revolution neben technischem Fortschritt auch eine soziale Frage mit sich: Millionen zog es als Arbeiter in die Städte. Statt gesellschaftlichen Aufstiegs fanden sie dort häufig aber nur geringe Löhne, elende Wohnverhältnisse und eine fehlende soziale Absicherung. Viele Menschen machten sich Gedanken, wie man diese Probleme lösen könnte. Kirchen, Arbeiterorganisationen und Parteien entwickelten dazu Ideen. Und auch Industrielle schritten voran: Der Unternehmer Alfried Krupp wollte die wachsenden sozialen Probleme durch betriebliche Sozialleistungen verringern. Bereits 1836 existierte eine freiwillige Hilfskasse für Krankheits- und Todesfälle, 1856 entstehen Wohnheime für unverheiratete Arbeiter, 1870 gar ein eigenes Krankenhaus.

In der Chemieindustrie waren es Unternehmen wie die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt, die arbeitnehmerfreundliche Regelungen trafen, bevor es entsprechende Gesetze dazu gab. Sei es 1875 mit einer Versicherung gegen Krankheit und dauerhafte Arbeitsunfähigkeit oder 1886 mit einem „Pensionsreservefonds“, der Arbeiter, Angestellte und Hinterbliebene absicherte. Besonders revolutionär war der Achtstundenarbeitstag (bei einer Sechstagewoche), den die Degussa 1884 – bereits 34 Jahre vor einem entsprechenden Gesetz  - einführte.

Diese Beispiele zeigen: Nachhaltigkeit ist kein neues Konzept, sondern in all seinen Dimensionen tief in der DNA der Industrie verankert. Effizienzsteigerungen und soziale Gerechtigkeit waren stets der Motor – und sie bleiben es.

Blick nach vorn

Die Herausforderungen bleiben groß. Klimaneutralität bis 2050 ist das Ziel, das sich viele Unternehmen gesetzt haben. Der Weg dorthin führt über technologische Innovationen, Kreislaufwirtschaft und den Einsatz erneuerbarer Energien. Chemieunternehmen investieren in CO₂-arme Produktionsverfahren, biobasierte Rohstoffe und digitale Lösungen zur Effizienzsteigerung.

Doch eines ist klar: Nachhaltigkeit ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie erfordert Kooperation zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – und den Mut, bestehende Instrumente kritisch zu hinterfragen. Denn nicht jedes Regulierungsmodell bringt den gewünschten Effekt. Was zählt, ist die Wirkung: weniger Emissionen, mehr Ressourcenschonung, bessere Lebensqualität.

Fazit

In der öffentlichen Wahrnehmung geriet der Begriff Nachhaltigkeit zuletzt unter Druck – politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Aber sie bleibt alternativlos – und viele Maßnahmen, etwa zur Energieeffizienz, laufen unverändert weiter. Die chemische Industrie kann hier eine Schlüsselrolle spielen, indem sie das tut, was sie seit jeher am besten kann: Prozesse verbessern, Innovationen vorantreiben und damit Effizienz, Klimaschutz und gesellschaftlichen Fortschritt zusammenbringen. Die nächsten Jahrzehnte werden zeigen, wie erfolgreich dieser Weg ist.

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