Kreislaufwirtschaft in der Bau(stoff)wirtschaft – es läuft noch nicht alles rund
Besonders im Bausektor, wo Materialien langlebig verbaut und Gebäude über Jahrzehnte genutzt werden (sollen), ist die Herausforderung groß und die Komplexität hoch. Die Umsetzung zirkulärer Prinzipien im Bauwesen ist daher längst nicht flächendeckend etabliert. Viele technische, wirtschaftliche, kulturelle und regulatorische Barrieren verhindern eine breitere Anwendung. Nachfolgend werden die wesentlichen Hürden aufgezeigt, danach die vielversprechendsten Lösungsansätze vorgestellt.
Zentrale Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen
1. Technologische Hürden: Bei vielen Bauvorhaben fehlen grundlegende Informationen über verbaute Materialien, deren Rückbaupotenzial oder vorhandene Schadstoffe. Der Einsatz digitaler Gebäudepässe ist bisher kaum verbreitet, wodurch eine lückenlose Dokumentation über den Lebenszyklus hinweg erschwert wird. Auch mangelt es oft an etablierten Verfahren für einen kreislauffähigen Rückbau, was die Wiederverwertung erheblich behindert.
2. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen: Die Aufbereitung und Wiederverwendung von Baumaterialien ist meist mit höheren Kosten verbunden als der Einsatz von Primärrohstoffen. Die derzeitige Marktsituation und bestehende wirtschaftliche Strukturen bieten kaum Anreize, diese Mehrkosten zu tragen. Zudem fehlen oft funktionierende Geschäftsmodelle, die auf Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft abzielen – und bereits betriebswirtschaftlich tragfähig sind.
3. Kulturelle und sektorale Trägheit: In vielen Unternehmen bestehen nach wie vor erhebliche Vorbehalte gegenüber dem Einsatz von Recyclingmaterialien – sei es aus Qualitätsbedenken oder fehlender Erfahrung im Umgang damit. Traditionelle Bauweisen und etablierte Planungspraktiken dominieren, während innovative, zirkuläre Ansätze oft auf Widerstand oder Skepsis stoßen. Dieses Beharrungsvermögen verlangsamt den Transformationsprozess erheblich.
4. Regulatorische Unsicherheiten: Unklare oder uneinheitliche Regelungen zum Abfallstatus sowie fehlende Definitionen zu „End-of-Waste“-Kriterien verunsichern viele Akteure. Produktzulassungen und technische Normen sind in der Regel auf Primärmaterialien ausgerichtet, wodurch die Markteinführung von Rezyklaten zudem erschwert wird. Es fehlt oftmals an rechtlicher Klarheit für die Nutzung von alternativen Baustoffen.
5. Infrastrukturelle Defizite: Es existieren bislang nur vereinzelt Rücknahme- oder Sortiersysteme für Bauprodukte, was die Rückführung gebrauchter Materialien logistisch erschwert. Zudem mangelt es an geeigneter Infrastruktur für Lagerung, Sortierung und Wiederverwendung. Diese strukturellen Lücken verhindern oftmals die notwendige Skalierung zirkulärer Ansätze.
Lösungsansätze für eine zirkuläre Bauwirtschaft
1. Rückbaupflichten und Materialpässe: Durch verpflichtende Rückbaukonzepte könnten Materialien gezielter getrennt und weiterverwendet werden. Ergänzend braucht es digitale Material- und Gebäudepässe, die Informationen über eingesetzte Baustoffe dokumentieren und so die Wiederverwertung erleichtern.
2. Öffentliche Ausschreibungen mit Kreislaufkriterien: Die öffentliche Hand müsste vermehrt eine Vorreiterrolle einnehmen, indem sie bei Bauprojekten Kriterien wie Recyclingfähigkeit oder Rezyklatanteil systematisch berücksichtigt. So ließen sich innovative Lösungen gezielt umsetzen und Best-Practice-Projekte entstehen.
3. Finanzielle Anreize und Preisgestaltung: Förderprogramme und steuerliche Vorteile für den Einsatz von Sekundärmaterialien können ökonomische Hürden senken. Mögliche Hebel sind Investitionsförderungen für entsprechende Anlagen oder die Aufnahme kreislaufwirtschaftlicher Kritierien in die Wohnbauförderung.
4. Rechtssicherheit und Produktzulassungen: Einheitliche gesetzliche Rahmenbedingungen und vereinfachte Zulassungsverfahren sind essenziell, um Sekundärmaterialien einen fairen Marktzugang zu ermöglichen. Rechtsakte, technische Standards und Normen müssten entsprechend geprüft und weiterentwickelt werden, um diese besser zu integrieren.
5. Bildung und Qualifizierung: Die Vermittlung zirkulärer Denk- und Planungsweisen muss verstärkt in der Aus- und Weiterbildung von Architekt:innen, Bauleiter:innen und Planer:innen verankert werden. Mythen müssen durch Aufklärung, Infokampagnen und Bewusstseinsbildung zerschlagen werden. Nur durch Fachexpertise kann ein Kulturwandel hin zu zirkulärem Bauen gelingen.
6. Lebenszyklusanalysen und Kennzahlen: Methoden wie Lebenszyklusanalyse, CO₂-Bilanzierung oder der Urban Mining Index helfen, Umweltwirkungen systematisch zu bewerten. Sie liefern Entscheidungsgrundlagen für Planung und Beschaffung und stärken die Transparenz gegenüber externen Anspruchsgruppen.
7. Kooperations- und Innovationsplattformen: Der Aufbau sektorübergreifender Allianzen und Netzwerke entlang der Wertschöpfungskette ist entscheidend, um Synergien entlang der Wertschöpfungskette zu heben. Gemeinsame Pilotprojekte und Wissenstransferplattformen können als Katalysatoren für Innovation und Verbreitung wirken.
Es braucht breite Veränderungen, bessere Rahmenbedingungen und Geduld
Die Transformation zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ist kein rein technisches Vorhaben, sondern erfordert vor allem strukturelle, kulturelle und wirtschaftliche Veränderungen. Viele Lösungen sind bereits verfügbar, entscheidend ist ihre breite Anwendung und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Ziel muss es sein, aus Einzelprojekten neue Standards zu schaffen – und den Wandel aktiv zu gestalten.
Unternehmen, die zirkuläre Ansätze als Teil ihrer Strategie begreifen, stärken nicht nur ihre ökologische Verantwortung, sondern auch ihre unternehmerische Zukunftsfähigkeit. Der entscheidende Schritt wird sein, ein erfolgreiches Business Case für möglichst alle entlang der Wertschöpfungskette aufzubauen, um mit Zirkularität unternehmerisch reüssieren zu können. Damit darf man die handelnden Unternehmen nicht allein lassen, es braucht vor allem die entsprechenden regulatorischen Rahmenbedingungen, einen proaktiven öffentlicher Sektor sowie finanzielle Unterstützung. Denn die Kreislaufwirtschaft wird sich nur dann im Bausektor durchsetzen, wenn neben der ökologischen auch die wirtschaftliche (und soziale) Nachhaltigkeit gegeben ist. Hier ist verstärkt die Politik gefordert.
Letztlich braucht es auch etwas Geduld: Es kann nicht erwartet werden, dass sich binnen kürzester Zeit absatzstarke Produkte, erfolgreiche Geschäftsmodelle und -praktiken sowie Denk- und Handlungsmuster verändern. Die ökologische Transformation des Gebäudesektors schreitet voran, gleichzeitig sind die Erfordernisse nach leistbarem Wohnraum und Behaglichkeit ebenso zu berücksichtigen. Trotz Wirtschaftskrise in Österreich und weiten Teilen Europas – und einem gewissen „Backlash“ gegen überbordende Umweltvorschriften – werden weiterhin zirkuläre Innovation vorangetrieben, nachhaltige Investitionen getätigt, Geschäftschancen gesucht und Kooperationen eingegangen. Dieser Weg muss konsequent weiter vorangetrieben und unterstützt werden.



%2520-%2520Kopie.jpeg)
.png)
.jpg)
%20(Copy).jpg)
.jpg)
