TOPICS

EVENTS

Compliance now!

AI in Compliance: Von der Auswahl der Tools zum Projektstart. Interview mit Nadia Sairafi-Stocker

Dr. Nadia Sairafi-Stocker ist Compliance Officer bei Siemens Mobility Austria. Sie ist überzeugt, dass die beste KI nichts nützt, wenn die Menschen sie nicht richtig nutzen. Im Interview erklärt sie, erklärt, worauf es bei der Einführung von KI-gestützten Tools ankommt von Pilotprojekten und Governance bis zum Human-in-the-Loop-Prinzip.

Business  Circle: Sehr geehrte Frau Dr. Sairafi-Stocker, Sie sind Compliance Officer bei Siemens Mobility Austria GmbH. Möchten Sie uns eingangs kurz skizzieren, wie Sie Ihr Weg dorthin geführt hat und warum ausgerechnet Compliance es Ihnen angetan hat?

Nadia Sairafi-Stocker: Ich bin seit mittlerweile 15 Jahren bei Siemens Mobility Österreich und habe davon rund 13 Jahre als Juristin in der Rechtsabteilung gearbeitet. Mein Weg in die Compliance begann allerdings nicht mit einer Stellenbeschreibung, sondern mit einem Workshop. Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen ein Format zu Themen wie Speak-Up Culture, respektvolle Zusammenarbeit, sexuelle Belästigung, Sexismus, Mobbing und Diskriminierung zu entwickeln.
Ich habe das Konzept mitgestaltet und die Workshops anschließend als Moderatorin für rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchgeführt. Dabei habe ich erlebt, wie wichtig es ist, Menschen zu ermutigen, Missstände anzusprechen, Verantwortung zu übernehmen und den Mut zu haben, auch unangenehme Themen offen anzusprechen.
Rückblickend waren genau diese Themen immer das, was mich angetrieben hat: Integrität, Aufrichtigkeit und das Bestreben, das Richtige zu tun. Als die Position der Compliance Officerin bei Siemens Mobility ausgeschrieben wurde, war für mich deshalb schnell klar, dass dies die Chance ist, das, was mir persönlich am Herzen liegt, auch beruflich zu meiner Aufgabe zu machen. Genau so hat mich mein Weg schließlich in die Compliance geführt.

BC: Wenn Sie heute ein KI-Projekt in einer Compliance-Abteilung neu starten würden: Welche drei Schritte würden Sie setzen, bevor überhaupt ein Tool ausgewählt wird?

Sairafi-Stocker: Bevor ich überhaupt ein Tool auswähle, würde ich drei Dinge tun.
Use Case & Stakeholder: Zuerst das konkrete Problem und den Anwendungsfall definieren und die relevanten Stakeholder frühzeitig einbinden.
Pilot before Scale: Das Tool zunächst in einem begrenzten Rahmen mit erfahrenem Nutzer:innen testen, klare Erfolgskriterien definieren und erst nach mehreren erfolgreichen Anwendungen über einen Rollout entscheiden.
Governance & Security: Vor dem Einsatz Datenschutz, Informationssicherheit, Governance und Verantwortlichkeiten klären – insbesondere, welche Entscheidungen beim Menschen bleiben müssen.

BC: Daran anschließend: Wie lässt sich der Erfolg überhaupt messen? Mit welchen Compliance-KPIs arbeiten Sie?

Sairafi-Stocker: Effizienz: Spart uns das Tool tatsächlich Zeit – etwa bei Screening, Recherche oder Dokumentation?
Qualität & Risiko: Werden relevante Treffer bzw. Red Flags zuverlässig erkannt und wie hoch sind beispielsweise False Positives oder notwendige manuelle Korrekturen?
Adoption & Compliance Impact: Wird das Tool tatsächlich genutzt, und verbessert es messbar Prozessqualität, Dokumentation und die Umsetzung unserer Compliance-Kontrollen?

BC: Wer trägt am Ende die Verantwortung, wenn ein KI-gestützter Compliance-Prozess eine relevante Information übersieht und ein unzureichendes Ergebnis liefert? Der externe Toolanbieter oder doch intern die IT, der Fachbereich oder das Compliance Management?

Sairafi-Stocker:

  • Verantwortung beginnt nicht beim Tool und endet nicht beim Anbieter. Auch wenn ein KI-gestützter Compliance-Prozess eine relevante Information übersieht, bleibt die Verantwortung zunächst bei den Menschen, die das Ergebnis nutzen und darauf basierend Entscheidungen treffen.
  • Der Tool-Anbieter trägt Verantwortung für die Qualität, Zuverlässigkeit und die zugesicherten Funktionen seines Produkts. Wenn ein grundlegender Systemfehler oder ein Mangel des Tools vorliegt, kann auch der Anbieter in der Verantwortung stehen.
  • Compliance, Business und die Anwender dürfen sich jedoch nicht blind auf die Technologie verlassen. KI kann Prozesse beschleunigen und die Qualität von Analysen verbessern, ersetzt aber nicht die fachliche Beurteilung, Plausibilitätsprüfung und Kontrolle durch den Menschen. Deshalb braucht jedes KI-System einen klaren „Human-in-the-Loop“-Ansatz.

Ich sehe hier eine geteilte Verantwortung. Der Anbieter ist für die Qualität und Leistungsfähigkeit des Tools verantwortlich. Die Verantwortung für die finale Entscheidung und die Prüfung der Ergebnisse bleibt jedoch bei den Menschen und der Organisation, die das Tool einsetzen. KI kann uns unterstützen und effizienter machen, sie ersetzt aber nicht unsere professionelle Beurteilung. Gerade im Compliance-Umfeld müssen wir die Ergebnisse weiterhin kritisch hinterfragen und validieren.

Ein KI-Projekt kann am sowohl am Menschen als auch an der Technik scheitern

BC: In einem Teil Ihres Workshops auf der "Compliance now!" wird es um Change und Führung gehen. Können KI-Projekte aus Ihrer Erfahrung auch am Menschen und nicht nur an der Technologie scheitern?

Sairafi-Stocker: Ja, ich bin überzeugt, dass ein KI-Projekt nicht nur an der Technologie, sondern ebenso am Faktor Mensch scheitern kann. KI ist ein technologisches Werkzeug und wird – wie jede Technologie – nie vollkommen fehlerfrei sein. Entscheidend ist daher, wie Menschen sie einsetzen, ihre Ergebnisse einordnen und daraus Entscheidungen ableiten.
Wird KI nicht verantwortungsvoll und mit dem notwendigen Verständnis eingesetzt, besteht zum einen das Risiko, dass die Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen. Zum anderen reicht selbst ein technisch gutes Ergebnis nicht immer aus: Vorschläge einer KI müssen häufig mit menschlichem Urteilsvermögen, Fachwissen und Fingerspitzengefühl ergänzt werden, damit sie zum jeweiligen Kontext passen und bei den Adressatinnen und Adressaten angemessen ankommen.
Für mich liegt der Schlüssel daher im Zusammenspiel von Mensch und Technologie: KI kann unterstützen, analysieren und neue Perspektiven eröffnen – Verantwortung, kritische Reflexion und die angemessene Kommunikation der Ergebnisse bleiben jedoch beim Menschen.

BC: Kann es aus Ihrer Sicht sinnvoll sein, ein weniger leistungsfähiges Tool zu verwenden, wenn es schneller akzeptiert und tatsächlich genutzt wird?

Sairafi-Stocker: Ja, ich halte es durchaus für sinnvoll, zunächst ein weniger leistungsfähiges Tool einzusetzen, wenn ich dafür weiß, dass es zuverlässig funktioniert, einfach zu bedienen ist und für den konkreten Anwendungsfall gute Ergebnisse liefert. Nicht immer ist die technisch leistungsfähigste Lösung automatisch die beste Lösung für eine Organisation. Der Mensch soll durch KI unterstützt werden – das eigene Denken, die kritische Prüfung und die Verantwortung dürfen dabei nicht ausgeschaltet werden.
Ein wesentlicher Faktor ist für mich außerdem die Akzeptanz bei den Nutzerinnen und Nutzern. Gerade in einer frühen Einführungsphase würde ich deshalb bewusst mit einem überschaubaren, leicht verständlichen Tool beginnen, das für kleinere Anwendungsfälle schnell einen konkreten Mehrwert zeigt. So können die Mitarbeitenden Erfahrungen sammeln, Vertrauen entwickeln und verstehen, wo KI sinnvoll unterstützt und wo ihre Grenzen liegen.
Darauf kann man Schritt für Schritt aufbauen. Wenn die Akzeptanz wächst und die Nutzerinnen und Nutzer sicherer im Umgang mit KI werden, kann auch der Einsatz leistungsfähigerer und komplexerer Lösungen folgen. Ein hochentwickeltes Tool bringt schließlich wenig, wenn seine Möglichkeiten aufgrund hoher Komplexität erst nach Monaten verstanden und tatsächlich genutzt werden.
Mein Ansatz wäre daher: klein und praxisnah starten, Akzeptanz und Kompetenz aufbauen und die technologische Leistungsfähigkeit anschließend gezielt erweitern. Gerade weil sich KI-Tools laufend weiterentwickeln und ihre Funktionen zunehmend überschneiden oder ergänzen, halte ich einen schrittweisen Ansatz für nachhaltiger als den sofortigen Einsatz der maximal leistungsfähigen Lösung.

BC: Abschließend etwas Persönliches: Sie kennen die Compliance now! Schon aus eigener Erfahrung. Möchten Sie Ihren Eindruck von dieser Konferenz mit uns teilen?

Sairafi-Stocker: Meine persönliche Erfahrung mit Compliance Now ist noch relativ jung: Im vergangenen Jahr war ich zum ersten Mal dabei. Andere Veranstaltungen von euch – insbesondere Legal Innovation – kenne ich bereits seit mehreren Jahren. Da ich damals noch vergleichsweise neu in der Compliance-Welt war, fand ich meine erste Compliance-Now-Veranstaltung zwar ausgesprochen spannend, gleichzeitig war die Fülle an Themen und Impulsen für mich durchaus herausfordernd.
Heute, nach knapp zwei Jahren als Compliance Officer, kenne ich meine Aufgaben und mein Arbeitsumfeld deutlich besser und kann viele Inhalte noch gezielter für meine tägliche Arbeit einordnen und nutzen. Genau das schätze ich an euren Veranstaltungen besonders: Sie sind hervorragend organisiert, bringen großartige Vortragende und unterschiedlichste Perspektiven zusammen und schaffen es, sehr viel relevantes Wissen in kurzer Zeit zu vermitteln.
Ich beschreibe es gerne mit einem Bild: Ich komme mit einem nur teilweise gefüllten Wissenskoffer zur Veranstaltung und fahre mit einem prall gefüllten Koffer voller neuer Impulse, Ideen und Perspektiven wieder nach Hause. Genau dieser fachliche und persönliche Mehrwert macht das Format für mich so besonders.
Umso mehr freue ich mich und empfinde es als besondere Wertschätzung, dass ihr mich bei euren Veranstaltungen inzwischen auch immer wieder als Vortragende berücksichtigt. So kann ich nicht nur selbst Wissen und Inspiration mitnehmen, sondern auch eigene Erfahrungen und Perspektiven einbringen und zum Austausch beitragen.

BC: Vielen Dank für dieses hervorragende Feedback! Wir freuen uns sehr, Sie wieder auf unserer Bühne begrüßen zu dürfen.

‍

Text Link
Finance, Legal & Tax
Text Link
Compliance
Text Link
Innovation