Aktuelle Trends bei M&A-Transaktionsversicherungen: Interview mit Verena Krikler, Marsh
Business Circle: Sehr geehrte Frau Krikler, unser Publikum weiß sicher, was eine M&A-Anwältin macht oder was ein Beteiligungsmanager in einem großen Konzern so tut. Aber was genau macht ein Transactional Risk Broker und warum sollte es für Sie genau dieser Job sein?
Verena Krikler: Ich begleite Unternehmen und Investoren dabei, Risiken aus M&A-Transaktionen sinnvoll abzusichern. Dabei bin ich sehr nah am Dealprozess und arbeite eng mit Anwälten, Finance-Teams, Investoren und Versicherern zusammen.
Mein Ansatz ist dabei stark beratungsorientiert: Gemeinsam mit den Parteien identifizieren wir Risiken aus der Transaktion und suchen nach Lösungen, die wirtschaftlich und strategisch sinnvoll sind. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist es auch, die Grenzen der Versicherbarkeit nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern aktiv zu hinterfragen und weiterzudenken, um für den Kunden die bestmögliche Lösung zu schaffen.
Mich begeistert an dem Job die Kombination aus Strategie, Verhandlung und Tempo. Kein Deal ist gleich, man lernt ständig dazu und bewegt sich immer an der Schnittstelle zwischen Recht, Wirtschaft und Transaktion.
BC: Was ist im M&A-Bereich tatsächlich versicherbar – und was nicht? Wo ziehen Versicherer ihre rote Linien, insbesondere bei steuerlichen und regulatorischen Risiken?
Krikler: Grundsätzlich ist heute im M&A-Bereich deutlich mehr versicherbar, als viele erwarten würden – insbesondere im Bereich Warranty & Indemnity Versicherung sowie bei spezifischen Risiken. Entscheidend ist meist weniger die Art des Risikos selbst, sondern ob es klar analysierbar, dokumentierbar und in seiner Eintrittswahrscheinlichkeit einschätzbar ist.
Spannend ist vor allem auch, wie stark sich der Markt in den letzten Jahren weiterentwickelt hat. Die klassische W&I-Versicherung hat sich längst davon entfernt, ausschließlich unbekannte Risiken abzudecken. Unter bestimmten Voraussetzungen können mittlerweile auch identifizierte Einzelrisiken mitversichert werden. Mittlerweile gibt es auch vollsynthetische Lösungen: Dabei übernimmt der Verkäufer im Kaufvertrag weder Gewährleistungen noch eine entsprechende Haftung. Der gewünschte Gewährleistungsschutz wird stattdessen über einen in der Versicherungspolizze definierten Gewährleistungskatalog abgebildet.
Rote Linien ziehen Versicherer typischerweise dort, wo Risiken schwer quantifizierbar sind, bewusst in Kauf genommen wurden oder die Faktenlage unklar ist. Besonders bedeutend ist vor allem die vorhandene Dokumentation und die Qualität der Due Diligence.
BC: Wie früh sollten Transaktionsversicherungen idealerweise in den Deal-Prozess integriert werden – und was kann passieren, wenn man zu spät daran denkt?
Krikler: Transaktionsversicherungen sollten möglichst früh im Prozess mitgedacht werden – idealerweise bereits auf Sell-Side im Zusammenhang mit der Strukturierung der Transaktion. So lässt sich frühzeitig einschätzen, welche Risiken versicherbar sind, wie bestimmte Themen den Prozess oder die Verhandlungen beeinflussen können und welche Lösungen sinnvoll darstellbar sind. Eine frühe Einbindung kann außerdem bei der Strukturierung der Due Diligence und der Aufbereitung des Kaufvertrages hilfreich sein.
Wird das Thema erst sehr spät aufgegriffen, entsteht oft unnötiger Zeitdruck und bestimmte Risiken können nicht mehr optimal strukturiert und abgesichert werden. Gerade bei komplexeren Themen braucht es ausreichend Zeit für die Analyse und Abstimmung zwischen allen Beteiligten.
KI beschleunigt Prozesse, ersetzt aber nicht inhaltliche Bewertung und kommerzielles Verständnis
BC: Künstliche Intelligenz verändert derzeit die Due Diligence und Risikobewertung. Spüren Sie bereits konkrete Auswirkungen auf Underwriting-Prozesse und die Risikoeinschätzung der Versicherer?
Krikler: Ja, absolut. Gerade im Due-Diligence-Prozess sieht man bereits deutlich, dass KI-gestützte Tools die Analyse großer Datenmengen beschleunigen. Das beeinflusst auch den Underwriting-Prozess, weil Versicherer zunehmend verstehen müssen, wie die jeweiligen KI-Tools funktionieren, auf welcher Grundlage die DD-Berichte erstellt wurden und ob zusätzlich noch ein separates Assessment oder Spot-Checking durch das Dealteam erfolgt ist. Informationen werden dadurch zwar strukturierter und effizienter aufbereitet, gleichzeitig entstehen aber auch neue Fragen zur Validierung und Nachvollziehbarkeit.
KI ersetzt aus meiner Sicht aber nicht die inhaltliche Bewertung und das kommerzielle Verständnis einer Transaktion. Gerade bei der Risikoeinschätzung spielen Erfahrung, Kontext und die konkrete Deal-Dynamik weiterhin eine große Rolle. Ich glaube daher, dass KI den Prozess vor allem effizienter machen wird – die eigentliche Beurteilung und Verhandlung bleibt aber weiterhin sehr stark von Menschen geprägt.
BC: Welche Rolle spielt die zunehmende EU-Regulatorik – etwa im Bereich ESG oder Tax Compliance – für die Struktur und Nachfrage von Transaktionsversicherungen?
Krikler: Die zunehmende EU-Regulatorik spielt mittlerweile eine sehr zentrale Rolle in M&A-Transaktionen und wirkt sich entsprechend auch auf die Nachfrage nach Transaktionsversicherungen aus. Themen wie ESG, Tax Compliance oder regulatorische Reportingpflichten werden im Rahmen der Due Diligence deutlich intensiver geprüft als noch vor einigen Jahren und rücken dadurch auch stärker in den Fokus der Versicherer.
Gleichzeitig sieht man, dass Käufer bei solchen Themen zunehmend sensibler werden und verstärkt nach Möglichkeiten suchen, identifizierte Risiken strukturiert abzusichern. Das führt dazu, dass sowohl klassische W&I-Lösungen als auch Contingent-Risk-Polizzen an Bedeutung gewinnen. Entscheidend ist dabei meist weniger die Existenz eines regulatorischen Themas an sich, sondern wie transparent, nachvollziehbar und gut dokumentiert damit umgegangen wurde.
BC: Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken in Transaktionen: Rechtlich, steuerlich oder im ESG-Themenbereich?
Krikler: Die größten Risiken hängen natürlich stark von der jeweiligen Transaktion und Branche ab. Insgesamt sieht man aber schon, dass steuerliche Themen sowie Compliance-Fragestellungen in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen haben – nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden regulatorischen Komplexität.
Das spiegelt sich auch in den Claims-Statistiken wider: Steuerliche Themen zählen seit Jahren konstant zu den häufigsten und gleichzeitig oft auch größten Schadenskategorien im W&I-Bereich. Auch Compliance-Themen finden sich regelmäßig unter den Top-Claims-Kategorien. ESG-Themen spielen ebenfalls eine zunehmend wichtige Rolle, wobei sich hier viele Risiken derzeit noch indirekt über Compliance-Themen manifestieren.
BC: Abschließend: Sie kennen den M&A Summit (und andere Business Circle Formate) schon aus eigener Erfahrung. Möchten Sie Ihren Eindruck von dieser Tagung mit uns teilen?
Krikler: Der M&A Summit schafft aus meiner Sicht eine sehr gute Mischung aus fachlichem Austausch, Marktüberblick und persönlichem Networking. Gerade im M&A-Bereich, wo sich Themen und Marktstandards laufend weiterentwickeln, ist der direkte Austausch mit Beratern, Juristen und Unternehmensvertretern besonders wertvoll.
Für mich liegt der Mehrwert vor allem darin, dass man nicht nur fachliche Inputs mitnimmt, sondern auch Perspektiven und Kontakte, die oft über die konkrete Veranstaltung hinaus relevant bleiben.
BC: Sehr geehrte Frau Krikler, Vielen Dank für Ihren präzisen Einblick in die M&A-Landschaft und Ihre Rolle als Risk Broker darin. Wir freuen uns sehr, bei Ihrem nächsten Live-Auftritt bei uns noch mehr darüber zu erfahren.

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