Aktueller Marktüberblick M&A-Transaktionen: Robert Hufnagel, EY im Gespräch
Business Circle: Sehr geehrter Herr Mag. Hufnagel, eingangs etwas Persönliches: Sie sind als Partner bei EY auf M&A-Transaktionen spezialisiert. Warum sollte es für Sie genau dieser Bereich sein?
Robert Hufnagel: M&A verbindet für mich strategisches Denken, unternehmerische Entscheidungen und messbaren Impact. Jede Transaktion ist eine Ausnahmesituation für jedes Unternehmen: Es geht um wesentliche Weichenstellungen welche die Richtung eines Unternehmens langfristig prägen werden, – es geht um Entscheidungen die oft unter Zeitdruck, mit unvollständiger Information getroffen werden. Bei Familiengeführten Unternehmen spielt auch emotionale Komponenten eine gewichtige Rolle. Genau diese Komplexität reizt mich. Der M&A Berater arbeitet dabei, sehr nah mit Vorständen, Eigentümern und Investoren und gestaltet dabei die Entwicklungen aktiv mit.
BC: Die neuen Hotspots: Energy & Renewables, Software, Defence, Halbleiter, AI-Integration. Wo sehen Sie tatsächlich nachhaltige Deal-Aktivität – und wo eher kurzfristigen Hype?
Hufnagel: Wir sehen aktuell in Summe eine sehr hohe Deal-Aktivität, jedenfalls international und vor allem dort, wo technologische Trends mit regulatorischem Rückenwind und klaren Cashflow-Perspektiven zusammentreffen – etwa bei Software mit vertikalem Fokus oder Bereichen wie AI-Integration und jedenfalls der Defence-Sektors erleben zweifellos sehr hohe Aufmerksamkeit. Sehr häufig überschneiden sich die Sektoren in Transaktionen auch. Stichwort Industrial AI. Plattformen mit klarer industrieller Anwendung und Skalierbarkeit sind hoch attraktiv. Der Markt ist aber sehr selektiv.
BC: Landmark Deals: Gab es in den letzten Monaten Transaktionen, die aus Ihrer Sicht als echte Referenzfälle gelten können – sei es aufgrund der Struktur, der Bewertung oder der gelösten Problemstellungen?
Hufnagel: Klare Landmark-Deals sind die Transaktionen rund um OMV, Borouge und Borealis. Weniger wegen der schieren Dealgröße, sondern aufgrund der strategischen Tiefe und der langfristigen Transformation, die damit verbunden ist.
Vergleicht man OMV heute mit OMV vor zehn Jahren, sieht man einen fundamentalen Wandel: Weg von einem primär upstream und raffineriegetriebenen Öl und Gasunternehmen hin zu einem integrierten Chemie , Materialien und Circular Economy Champion. Die Zusammenführung von Borealis und Borouge – gemeinsam mit ADNOC – ist dabei kein isolierter Deal, sondern der Kulminationspunkt einer über Jahre verfolgten Portfolio Neuausrichtung. Diese Transaktionen veranschaulichen, wie M&A als Transformationsinstrument eingesetzt wird – nicht zur opportunistischen Expansion, sondern zur strukturellen Neupositionierung eines Konzerns. In dieser Konsequenz und strategischen Klarheit ist das ein Lehrbeispiel dafür, wie europäische Industrieunternehmen ihre Rolle im globalen Wettbewerb und unter geänderten Rahmenbedingungen neu definieren können.
Private-Equity- vs. Strategische Investoren
BC: Wer agiert aktuell stärker am Markt – Private Equity oder strategische Investoren? Und woran machen Sie diese Entwicklung konkret fest?
Hufnagel: Der Markt ist aktuell zweigeteilt.
Private-Equity-Investoren sind immer aktiv, aber auch sehr diszipliniert – mit klaren Renditeanforderungen und starkem Fokus auf Cashflow-Resilienz.
Strategische Investoren hingegen treten international deutlich sichtbar auf, lokal also in Österreich sehr selektiv und hier in erster Linie bei Themen, wo es um Technologiezugang, Vertikalisierung oder Reshoring geht.
Der Unterschied zeigt sich vor allem in den Investment-Thesen: PE denkt sehr stark entlang von Value-Creation-Plänen, Strategen entlang langfristiger Industrie-Logiken.
BC: Thema Inbound Investments als Hoffnungsträger: Ist Österreich bzw. Europa aktuell wieder stärker im Fokus internationaler Investoren?
Hufnagel: Europa – und auch Österreich – sind aufgrund der politisch Stabilität wieder stärker im Fokus internationaler Investoren, insbesondere aus Nordamerika und dem Mittleren Osten. Treiber sind attraktive Bewertungen, weiterhin hohe industrielle Kompetenz, und die starken mittelständisch geprägten Strukturen. Gleichzeitig sind Investoren heute deutlich selektiver: Qualität, Governance und klare Equity Stories sind entscheidend. „Europa als Schnäppchenmarkt“ greift zu kurz – gefragt ist Substanz.
BC: Erleben Sie in der Praxis, dass ESG-Kriterien zum Dealbreaker werden oder werden ESG-Risiken gleich mit „eingepreist“?
Hufnagel: In der Praxis ist ESG selten ein unmittelbarer Dealbreaker, wird aber konsequent eingepreist, da die damit verbundenen Themen typischerweise äußerst CAPEX intensiv sind. Eine fehlende ESG-Readiness schlägt sich nieder in höheren Kapitalkosten, entsprechenden Zusagen und Garantien in Kaufverträgen und eben Preisabschlägen. Entscheidend sind Transparenz und ein glaubwürdiger Verbesserungsplan. Wir bei EY haben durch die Integration von EY denkstatt, ein sehr schlagkräftiges Team an Bord, die diese Themen sehr fundiert adressieren und lösen können.
BC: Abschließend, weil ohnehin alle drüber reden: KI-Tools werden intensiv genutzt. Das Risiko von „copy, paste and send“ wächst aber mit der Qualität der Tools. Wie stellt man sicher, dass die inhaltliche Tiefe und kritische Prüfung im M&A-Prozess nicht verloren gehen?
Hufnagel: KI-Tools sind heute bereits fester Bestandteil der Arbeitswelt, das umfasst natürlich auch die M&A Beratung. Derzeit ist es in erster Linie ein Treiber der Produktivität – von der Anlayse bis zum Drafting von Dokumenten. Das Risiko liegt aber nicht in der Technologie, sondern im Umgang damit. Das „sense making“ also die Frage „macht das nun wirklich Sinn“, wird dabei wichtiger denn je. Die textlichen wie analytischen Outputs von KI sind beeindruckend gut. Hier braucht es geschulte und erfahrene Augen und Gehirne, um die richtigen Fragen zu stellen und damit die Qualität erst zu heben. Am Ende bleibt das M&A Geschäft glücklicherweise noch ein Urteils- und Erfahrungsgeschäft. KI beschleunigt Prozesse ganz massiv – dafür bleibt mehr Zeit für kritisches Denken.
BC: Sehr geehrter Herr Mag. Hufnagel, vielen Dank für dieses Gespräch, für Ihre Markteinblicke und Ihr Plädoyer für weiteres Vertrauen in menschliche und nicht nur künstliche Intelligenz. Wir freuen uns, Sie bald live auf unsere Bühne begrüßen zu dürfen.

.jpg)

.png)


