Weiterbildung zwischen Pflichtprogramm und Gamechanger – KI-gestützte Personalentwicklung in der Praxis. Interview mit Jonas Höhndorf
Business Circle: Sehr geehrter Herr Höhndorf, Sie leiten die Teams Digital Learning und Programmmanagement in der Volksbank Akademie. Möchten Sie uns eingangs kurz Ihren Werdegang bis dorthin skizzieren?
Jonas Höhndorf: Nach meinem Psychologiestudium habe ich drei Jahre lang das EdTech-Start-up GoStudent in verschiedenen Funktionen mit aufgebaut. 2023 bin ich bewusst in die Volksbank Akademie gewechselt, weil mich gereizt hat, was passiert, wenn Start-up-Denke auf eine traditionsreiche Organisation trifft. Gemeinsam mit unserer Geschäftsführerin Sonja Berger haben wir die Akademie vom internen Dienstleister zum strategischen Partner der Volksbanken weiterentwickelt. Heute verantworte ich mit vier Programmmanagern und vier Learning Designern das Bildungsprogramm des Verbunds.
BC: Daran anschließend; was hat Sie dazu bewogen, Lernen nicht nur zu verwalten, sondern komplett neu zu denken? Und welche Rolle spielt Personalentwicklung in einem schwieriger werdenden Arbeitsmarkt als Wertschöpfungs- und Wettbewerbsfaktor?
Höhndorf: Ehrlich gesagt hat mich irritiert, wie wenig Innovation in der betrieblichen Weiterbildung wirklich in großen Organisationen angekommen ist. Wir schicken Leute ins Seminarhotel, lassen sie E-Learnings durchklicken und sind zufrieden. Echte Weiterentwicklung sieht für mich anders aus.
Gleichzeitig wird die Notwendigkeit immer größer, mehr und mehr Vorschriften einzuhalten, Technologien und digitale Prozesse zu adoptieren und diese Veränderungen aktiv mitzugestalten. Eine Vision wie das bewerkstelligt werden kann, sehe ich in der Breite noch nicht und genau das hat mich angetrieben, es selbst herauszufinden. Denn fest steht, Veränderung geht nur soweit, wie es die Menschen mitgehen wollen und können. Und deswegen muss die Personalentwicklung menschlich, individuell und vor allem effektiv sein. Dann ist sie ein echter Wettbewerbsvorteil.
BC: KI vom Hype zur Wirkung. Wo schafft KI in der Volksbank Akademie heute bereits messbaren Mehrwert – und wo stößt sie (noch) an reale Grenzen?
Höhndorf: KI wirkt bei uns auf drei Ebenen. Erstens bei der persönlichen Befähigung. Tools wie NotebookLM, ChatGPT, Gemini und Claude eröffnen uns komplett neue Möglichkeiten zu recherchieren, zu lernen und Ideen zu entwickeln. Wir sind einfach wesentlich schneller und besser als noch vor einigen Jahren.
Zweitens bei der Erstellung von Lerninhalten. Mit KI-Agenten können wir hunderte Seiten an regulatorischen Unterlagen verarbeiten und in hochwertige Kursdesigns umwandeln, und das in Stunden statt in Wochen. Kombiniert mit KI-Avataren für Lernvideos und KI-generierten Podcasts entstehen komplette E-Learnings in wenigen Tagen. Die Abstimmung mit den Fachexperten beschränkt sich auf Lernziele und wenige Meetings und Feedback-Schleifen. So haben wir unter anderem anspruchsvolle Schulungsstrecken zu mehreren regulatorischen Themen umgesetzt.
Drittens in der Lernerfahrung selbst. Mit dem Anbieter Second Nature setzen wir KI-basierte Gesprächssimulationen ein, in denen unsere rund 1.800 Beraterinnen und Berater Kundengespräche üben und direkt im Anschluss detailliertes Feedback erhalten, basierend auf Bewertungskriterien, die wir vorab definiert haben. Das ermöglicht eine Lernqualität, die vorher nur einigen wenigen Personen im persönlichen Coaching möglich war.
Wo KI an Grenzen stößt: Erstentwürfe zu generieren geht schnell, aber das Testen und Finetuning braucht nach wie vor Zeit und menschliches Urteilsvermögen. Ohne fachliche Prüfung und didaktische Einordnung geht nichts in die Ausrollung.
Echtes Lernen im (daten)geschützten Raum
BC: Sie arbeiten mit digitalen Rollenspielen, KI-gestützter Produktentwicklung und neuen Lernformaten. Dafür braucht die KI Daten – gerade in Lern- und Entwicklungsprozessen sind diese besonders sensibel. Wo ziehen Sie datenschutzrechtlich rote Linien?
Höhndorf: Wir sind im regelmäßigen Austausch mit unserem Datenschutzbeauftragten und haben klare Regeln für den Umgang mit KI-Tools. Personenbezogene Daten, Kundendaten und Bankgeheimnisse haben in diesen Tools nichts verloren.
Für Second Nature haben wir eine umfassende Prüfung gemeinsam mit IT-Sicherheit, Compliance, Betriebsrat und Rechtsabteilung durchgeführt. Jeder Mitarbeitende hat das Recht, seine Daten löschen zu lassen, und nur er oder sie hat Einblick in die persönlichen Feedbacks. Ganz wichtig: Das Tool wird ausdrücklich nicht zur Leistungsmessung oder in Prüfungssettings eingesetzt. So stellen wir einen geschützten Raum sicher, in dem echtes Lernen stattfinden kann.
BC: Wenn KI operative Arbeit in der Inhaltserstellung abnimmt, entsteht Freiraum. Wie verändert das die Rolle von Learning & Development – und wie stellen Sie sicher, dass Ergebnisse nicht nur intern überzeugen, sondern im Arbeitsalltag ankommen?
Höhndorf: Dadurch, dass KI uns so viel operative Arbeit abnimmt, passiert etwas Interessantes. Wir sind nicht einfach nur produktiver, sondern wir sind auch gezwungen, die eigene Rolle neu zu denken. Wie liefert ein Learning Designer Mehrwert, wenn ein Erstentwurf in Stunden statt Tagen steht? Die Antwort finden wir gerade gemeinsam heraus. So haben wir ein eigenes Ton- und Videostudio aufgebaut um die Organisation bei der internen Kommunikation zu unterstützen. Auch rollen wir gerade eine Trainingsbibliothek mit Second Nature aus, die auf Basis des Marketing- und Vertriebskalenders laufend aktualisiert wird, sodass strategische Vertriebsschwerpunkte direkt im Lernportfolio widergespiegelt werden. Wir haben ein komplettes Programm zur Jugendfinanzbildung mit über 100 verschiedenen Lernunterlagen, einem Dutzend Workshopdesigns und Kommunikationsvorlagen erstellt und erreichen damit (über unsere Kundenberater:innen) jedes Jahr tausende Kinder und Jugendliche. Und wir fokussieren uns dieses Jahr auf KI- und Digitale Kompetenzen und entwickeln hierzu gerade eine ganzheitliche Lernkampagne.
All diese Initiativen waren vor 2 Jahren noch nicht im Scope der Volksbank Akademie, werden jetzt aber mit der Aufmerksamkeit von Vorständen bewusst vorangetrieben. Die Reichweite und den Impact unserer Initiativen messen wir kontinuierlich und spielen diesen Vorständen und anderen Stakeholdern zurück.
BC: Abschließend: Sie werden zum ersten Mal bei uns auf der Bühne stehen – Glückwunsch dazu! Welche Vorteile hat der Live-Auftritt gegenüber rein virtuellen Formaten und worauf freuen Sie sich am meisten?
Höhndorf: Danke sehr! Der größte Unterschied zwischen Live und virtuell für mich ist das unmittelbare Feedback. Man sieht in Gesichtern sofort, welche Inhalte Interesse wecken. So wird ein Vortrag zu mehr als nur einem Monolog. Am meisten freue ich mich auf die Momente, in denen man merkt, dass die eigenen Erfahrungen und Ideen im Gegenüber etwas auslösen.
BC: Sehr geehrter Herr Höhndorf, herzlichen Dank für dieses inspirierende Gespräch und Ihre Perspektive neue Herausforderungen und neue Methoden in der Weiterbildung.




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