Digitale Souveränität und Sicherheit zwischen Militär und Privatwirtschaft. Interview mit Daniel Hikes-Wurm vom BMLV
Business Circle: Sehr geehrter Herr Oberst, wenn wir über digitale Souveränität sprechen, denken Unternehmen an Datenhoheit, Cloud-Strategien und die Frage, von welchen Technologieanbietern sie abhängig sind. Wie definiert das österreichische Bundesheer digitale Souveränität und unterscheidet sich das von der Privatwirtschaft?
Daniel Hikes-Wurm: Digitale Souveränität schafft Handlungs- und Entscheidungsfreiheit und ist die Fähigkeit von Organisationen und Gesellschaften (aber auch Staaten, Unternehmen und Individuen), in der digitalen Welt eigenständig zu handeln und über Technologien, Daten und Infrastrukturen autonom zu bestimmen um der Einschränkung von Vertraulichkeit, Verfügbarkeit und Integrität von Daten und Systemen zu widerstehen. Es besteht für uns kein Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Sektor .
BC: Geopolitisch sind wir in einer Situation, in der technologische Abhängigkeiten zu strategischen Abhängigkeiten werden können. Wie viel digitale Abhängigkeit kann sich ein Staat überhaupt leisten und wo beginnen sicherheitspolitische Risiken?
Hikes-Wurm: Die Balance zwischen notwendiger technologischer Integration und der Wahrung der nationalen Sicherheit ist entscheidend. Ein Staat sollte sich bewusst sein, wie viel digitale Abhängigkeit er sich leisten kann und will, und proaktive Maßnahmen ergreifen, um sicherheitspolitische Risiken zu minimieren. Die Schaffung eines robusten Rahmens für Cyber- und Datensicherheit sowie die Förderung nationaler und europäischer Technologien sind essentiell.
BC: Wie schaut der typische Cyberangreifer aus, mit dem sich das Bundesheer heute auseinandersetzen muss? Stimmt das Klischee vom russischen Hacker oder vom einsamen Computer-Nerd im Keller seines Elternhauses? Oder müssen wir von staatlichen, kriminellen und hybriden Akteursnetzwerken ausgehen?
Hikes-Wurm: Wir sehen eher staatliche und große nicht-staatliche Akteure wie APT 26, 28, 29, usw. Die Komplexität der Akteurslandschaft im Cyberraum erfordert einen multidimensionalen Ansatz zur Risikobewertung und -bewältigung. Staaten sollten Strategien entwickeln, die sowohl defensive als auch offensive Maßnahmen beinhalten, um auf die Bedrohungen durch diese diversen Akteure angemessen reagieren zu können. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Unternehmen und internationalen Organisationen ist entscheidend, um die Sicherheitslage im Cyberraum zu verbessern. Alle genannten Staaten haben ihre „Spezialität“ entwickelt. Das ECHTE Problem ist, dass diese Staaten begonnen haben, ihr Spezialwissen untereinander auszutauschen. Wir sehen jedoch auch durch die technologischen Entwicklungssprünge im Bereich der Künstlichen Intelligenz eine Herausforderung durch den niederschwelligeren Zugang zu effektiven Angriffsverfahren.
BC: In der Privatwirtschaft ist ein hundertprozentig sicheres System faktisch nicht erreichbar. Wie wird im militärischen Kontext entschieden, welches Risiko akzeptabel ist?
Hikes-Wurm: Eigentlich geht es aus meiner Sicht wesentlich darum, ein Gleichgewicht zwischen den verfügbaren Ressourcen, der notwendigen Sicherheit und der Erfüllung unserer strategischen Ziele zu finden. Hierbei ist vor allem die Anpassungsgeschwindigkeit an neue Herausforderungen wichtig und die Kenntnis der eigenen Verwundbarkeiten.
Österreich hat wie ganz Europa einen enormen Nachholbedarf
BC: Wenn Sie auf die USA, Russland und China blicken: Wie stark verändert die aktuelle geopolitische Lage die technologischen Beschaffungsentscheidungen Europas?
Hikes-Wurm: Europa steht im globalen Vergleich somit zwischen den USA und China: stärker reguliert und werteorientiert als beide, aber technologisch und infrastrukturell deutlich abhängiger. Europa ist digital verwundbarer, weil es weniger eigene Tech-Kapazitäten besitzt und gleichzeitig zwischen US und chinesischen Abhängigkeiten eingeklemmt ist. Leider hat Österreich somit hier wie ganz Europa einen enormen Nachholbedarf. Russland spielt meiner Meinung nach (derzeit) eher kaum eine Rolle.
Es gibt in diesem Markt neben den großen zwei aber u.a. mit Südkorea und Israel noch weitere Akteure, die einerseits ein hohes Maß an technologischer Souveränität erreichen und sich als Exporteur positionieren wollen.
BC: „Make or buy“ ist in Unternehmen häufig eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Wie sieht die Rechnung beim Militär aus? Welche Kriterien stehen dort neben Kosten und technischer Leistungsfähigkeit im Vordergrund?
Hikes-Wurm: Schwierige Frage ...
Ich würde meinen, dass die „Make or Buy“-Entscheidung im militärischen Kontext eine umfassende Analyse erfordert, die über Kosten und technische Leistungsfähigkeit hinausgeht und stark mit unserer Definition von Digitaler Souveränität zusammenhängt. Nationale Sicherheitsinteressen, technologische Unabhängigkeit, operative Anforderungen, Versorgungssicherheit und gesellschaftliche Faktoren spielen da eine Rolle. Außerdem müssen wir immer bedenken, dass wir (Österreich) in zahlreichen dieser „Dual-use-Themen“ auf Zusammenarbeit angewiesen sind. Die Europäische Union ist dabei unser zentraler Handlungsrahmen für die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sowohl in konzeptioneller als auch struktureller Hinsicht (zB durch gemeinsame Fähigkeitsentwicklungsprogramme).
BC: Abschließend: Wenn Sie drei Dinge nennen müssten, die Unternehmen aus der militärischen Sicherheitslogik übernehmen sollten, welche wären das?
Hikes-Wurm: Berücksichtigung von Einsatzgrundsätzen; Denken in Varianten; gesamtheitliche Betrachtungen
BC: Sehr geehrter Herr Oberst, danke für dieses aufschlussreiche Gespräch. Wir freuen uns, den Austausch live auf unserer Bühne fortzusetzen.

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