Marktumschau der Legal Tech Toollandschaft: Elisabeth Hueck im Gespräch
Business Circle: Sehr geehrte Frau Hueck, eingangs etwas Persönliches: Sie engagieren sich im Liquid Legal Institute e.V., das sich als Think Tank für die Zukunft der Rechtsbranche versteht. An welchen Projekten arbeiten Sie gerade und wie profitiert Ihre berufliche Tätigkeit davon?
Elisabeth Hueck: Meine aktive Tätigkeit im LLI begann mit der Co-Moderation eines monatlichen Roundtables zu Legal Operations. Im Jahr 2025 habe ich zusätzlich an einem Podcast zum Thema Future Literacy teilgenommen und beteilige mich an der Erstellung eines Whitepapers zum Thema „Legal Front Door“, in dem ich gleichzeitig unsere Erfahrungen aus einem parallelen Projekt in unserer Abteilung einfließen lassen und dafür lernen kann. Durch die hierbei entstandenen Kontakte ist bei Fragen zu beruflichen Themen der oder die richtige Ansprechpartner meistens nur eine kurze Teams-Nachricht entfernt. Neben dem wertvollen fachlichen Input macht mir die Zusammenarbeit mit dem LLI-Team auch persönlich sehr viel Spaß!
BC: Was für Tipps haben Sie für Kollegen, die sich im Tool-Dschungel verlieren: Wie erkennt man schnell, ob ein Anbieter wirklich zu den eigenen Anforderungen passt?
Hueck: Die Antwort steckt eigentlich schon in der Frage – Grundvoraussetzung für jede Tool-Auswahl ist es, die eigenen Anforderungen bis ins Detail zu verstehen und insbesondere das „Warum?“ bei jeder neuen Tool-Demo im Kopf zu haben. Ohne die permanente Vergegenwärtigung der eigenen Problemstellung verliert man bei einer gut orchestrierten Produktvorstellung andernfalls leicht den Fokus. Bei einer immer größeren Anzahl von Tools, die ähnliche Funktionalitäten anbieten, würde ich zusätzlich immer auf einen „persönlichen Fit“ zwischen Anbieter und Kunde achten. Kein externes Tool wird jemals alle Anforderungen erfüllen, aber bei Customizing und Schulungen hilft ein offener Austausch mit dem Provider dabei, Fragen direkt zu klären und Workarounds zu finden. Einer unserer Softwareanbieter hat auf unsere Anregung hin eine neue Funktionalität umgesetzt und das Feature sogar nach dem Kollegen benannt, der den Wunsch geäußert hatte 😊
BC: Daran anschließend: Mit welchen Kennzahlen kann man die Qualität eines Legal-Tools oder den Erfolg einer Implementierung eines solchen bemessen und quantifizieren?
Hueck: Zunächst würde ich – analog zu den Anforderungskriterien – genau definieren, was für das Team im spezifischen Fall den „Erfolg“ bzw. den erhofften Mehrwert eines Tools ausmacht. Das kann ganz klassisch Zeit- oder Kostenersparnis sein, kann aber auch die Abbildung neuer Arbeitsschritte oder Prozesse sein, die zuvor vielleicht nicht umsetzbar waren. In letzterem Fall ist eher nicht mit sofortigen Kosteneinsparungen zu rechnen. Wir haben zum Beispiel ein Tool zur Vertragsprüfung nicht zum schnelleren Prüfen von Verträgen eingekauft, sondern zum erstmaligen Entwickeln von Review-Playbooks direkt in Word. Unser KPI war dadurch nicht „Zeitersparnis pro geprüftem Vertrag“ sondern „Anzahl finalisierter Playbooks“. Und bei konzernweit genutzten Systemen ist kritisches Userfeedback in meinen Augen wertvoller als gar kein Userfeedback – denn das heißt im schlimmsten Fall, dass das Tool gar nicht genutzt wird.
Relevante Kriterien für Make or buy
BC: Make-or-Buy: Selbst entwickeln oder einkaufen? Bei vielen Legal-Tech-Projekten stellt sich die Frage: Entwickeln wir selbst, oder kaufen wir extern? Welche Faktoren sind für Sie ausschlaggebend – Kosten, Datenhoheit, Geschwindigkeit, Integrationstiefe,… oder etwas ganz Anderes?
Hueck: Die Entscheidung basiert immer auf einer Kombination der von Ihnen genannten Faktoren, hängt aber im Wesentlichen vom internen IT-Know-How und der Wichtigkeit vertraglich definierter SLAs ab. Grundsätzlich bilden wir innerhalb unserer eigenen Abteilung keine geschäftskritischen Prozesse mit selbstentwickelten Low-Code-Tools ab. Beim Thema Entity Management hat uns unsere IT hingegen vor sechs Jahren bereits ein Tool entwickelt, welches unsere Corporate Struktur bis ins kleinste Details nachvollzieht und perfekt auf uns zugeschnitten ist – ein solches Tool hätten wir am Markt zu keinem Preis beschaffen können.
BC: Die besten Tools nützen nichts, wenn niemand sie einsetzt. Welche neuen Rollen, Fähigkeiten oder Routinen braucht ein modernes Legal Team, um effizient mit KI zusammenzuarbeiten?
Hueck: Wir setzen auf einen regelmäßigen abteilungsinternen Austausch zu den Erfahrungen mit verschiedenen KI-Anwendungen sowie ein technisches Grundverständnis. Unsere Legal Tech-Reise in der Abteilung begann mit Schulungen zu den grundlegenden Funktionen der SharePoint-Online Umgebung und dem Umzug vom Laufwerk in die Cloud. Dies klingt zunächst trivial, war aber die Basis für unsere spätere Knowledge Base in SharePoint, die wir jetzt mit dem CoPilot und MS Agents auf das nächste Level heben können.
BC: Welche Rolle spielt die Prozessintegration: Wie verzahnt man Legal, IT und operative Fachbereiche so, dass ein KI- oder CLM-Tool am Ende wirklich genutzt wird und nicht nur „installiert“ wurde?
Hueck: Wir versuchen, bei der Weiterentwicklung unserer Tools direkt auf Feedback aus den Einheiten einzugehen und nicht „am Bedarf vorbei“ zu entwickeln. Natürlich fragt aber niemand aus dem Fachbereich aktiv nach einem Tool zur Umsetzung des LkSG, sondern manche gesetzliche Anforderung wird eher als Störung in den operativen Abläufen wahrgenommen. Wann immer es möglich ist, binden wir Tools daher eng in den bestehenden Tech-Stack ein. Dies kann die Microsoft Power Plattform sein, aber auch das SAP, wenn eine Einheit ohnehin bereits dort ihre Prozesse abbildet.
BC: Abschließend: Das wird Ihr erster Auftritt bei uns – Glückwunsch dazu! Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass sich die Legal-Tech Szene auch live vernetzt und worauf freuen Sie sich am meisten?
Hueck: Trotz gewinnbringender digitaler Angebote und Webinare entstehen die nachhaltigsten Kontakte nach wie vor beim persönlichen Austausch. Ich freue mich besonders darauf, die Legal-Tech-Szene im DACH-Raum besser kennenzulernen und natürlich darauf, das Event mit einer kleinen Tour durch Wien zu verbinden!
BC: Sehr geehrte Frau Hueck, Wir danken Ihnen für dieses praxisorientierte Gespräch und Ihre klaren Perspektiven auf die Zukunft von Legal Tech. Wir freuen uns, Sie bald bei uns in Wien zu begrüßen!




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