Pflichten der Geschäftsleiter in der Krise und Haftung wegen Insolvenzverschleppung: Interview mit Dr. Markus Fellner
Business Circle: Sehr geehrter Herr Dr. Fellner, Sie sind Gründungspartner von Fellner Wratzfeld & Partner Rechtsanwälte. Möchten Sie uns eingangs kurz skizzieren, wie Sie ihr Weg dorthin geführt hat und was die wichtigsten Meilensteine beim Aufbau Ihrer Kanzlei waren?
Markus Fellner: Mein Weg war von Anfang an durch die Vision geprägt, eine führende Wirtschafts-kanzlei aufzubauen, die juristische Exzellenz mit tiefem wirtschaftlichem Verständnis verbindet. Zu den wichtigsten Meilensteinen zählten neben der Kanzleigründung selbst die erfolgreiche Begleitung wegweisender Restrukturierungen und Transaktionen sowie das kontinuierliche organische Wachstum unseres Teams. Heute sind wir stolz darauf, eine der ersten Adressen für komplexe Wirtschafts- und Restrukturierungsfälle in Österreich zu sein.
BC: Früher gab es oft einzelne Auslöser für Krisen wie den Ausfall eines Großkunden oder eine gescheiterte Finanzierung. Heute sprechen wir gleichzeitig über geopolitische Konflikte, Energiepreise, Lieferketten, ESG-Anforderungen und Cyberrisiken. Ist Unternehmensführung dadurch objektiv schwieriger geworden?
Fellner: Ja, die Unternehmensführung ist durch die Gleichzeitigkeit dieser globalen Megatrends und Krisen objektiv anspruchsvoller und volatiler geworden. Früher konnte man singuläre Risiken linear managen, während Manager heute in einer permanenten „Polykrise“ agieren müssen, in der geopolitische, regulatorische und technologische Risiken eng miteinander verwoben sind. Flexibilität, Resilienz und ein vorausschauendes Risikomanagement sind daher mittlerweile entscheidend geworden.
BC: Zum Thema Krisenfrüherkennung: Was sind aus Ihrer Erfahrung die häufigsten Warnsignale, die Geschäftsleiter auf keinen Fall ignorieren sollten?
Fellner: Ein klassisches und akutes Warnsignal ist die schleichende Erosion der Liquidität, die sich oft in verspäteten Zahlungen an Lieferanten oder dem Ausreizen von Kreditlinien zeigt. Ebenso gefährlich sind operative Warnzeichen wie der kontinuierliche Verlust von Marktanteilen, sinkende Margen oder das Ignorieren von veränderten Kundenbedürfnissen. Wenn dann noch Schwächen im Management hinzukommen, die sich auch in der Reaktionsfähigkeit und -geschwindigkeit äußern, sind sämtliche zentralen Krisenindikatoren verwirklicht.
BC: Können ESG-Themen mittlerweile tatsächlich existenzielle Risiken für Unternehmen darstellen oder wird deren Bedeutung manchmal überschätzt, weil der Hype schon wieder abflacht?
Fellner: ESG-Themen sind längst kein vorübergehender Hype mehr, sondern haben sich zu handfesten, existenziellen Risiken für Unternehmen entwickelt. Wer die regulatorischen Vorgaben missachtet oder Nachhaltigkeit ignoriert, verliert im schlimmsten Fall den Zugang zu Bankkrediten, Investorengeldern und attraktiven Kundenaufträgen. Die Bedrohung ist also real und schlägt sich mittlerweile direkt in den Bilanzen und Finanzierungskosten nieder.
Überschwappen der Insolvenzwelle aus Deutschland?
BC: Deutschland kämpft seit geraumer Zeit mit steigenden Insolvenzzahlen. Droht diese Entwicklung zeitverzögert auch Österreich zu erfassen? Und welche Branchen können da besonders betroffen sein?
Fellner: Die Entwicklung in Deutschland zeigt eine klare Tendenz, und auch Österreich verzeichnet bereits eine spürbare Dynamik bei den Unternehmensinsolvenzen. Besonders unter Druck stehen Branchen, die stark von hohen Energiekosten, den gestiegenen Zinsen und der anhaltenden Konsumzurückhaltung betroffen sind. Dazu gehören allen voran die Bauwirtschaft und der Immobiliensektor, aber auch der Handel und Teile der exportorientierten Industrie.
BC: Hinsichtlich der Insolvenzantragspflicht: Ist hier Ihrer Erfahrung nach die größte Gefahr mangelndes juristisches Wissen oder die (trügerische) Hoffnung, dass sich die Situation doch noch irgendwie verbessert?
Fellner: Die größte Gefahr liegt in der Praxis selten am reinen juristischen Unwissen, sondern fast immer im psychologischen Faktor der (trügerischen) Hoffnung. Viele Geschäftsleiter neigen dazu, die Situation schönzureden und klammern sich bis zuletzt an die Illusion einer baldigen Wende oder den rettenden Großauftrag. Dieses menschliche Phänomen führt leider viel zu oft dazu, dass der Antrag zu spät gestellt wird, was erhebliche Haftungsrisiken nach sich zieht.
BC: Zum Schluss etwas Persönliches: Sie kennen die RuSt schon seit 25 Jahren aus eigener Erfahrung. Was ist für Sie das Besondere an dieser Konferenz?
Fellner: Die RuSt ist für mich seit einem Vierteljahrhundert weit mehr als nur eine reine Fortbildungsveranstaltung. Das Besondere an dieser Konferenz ist die einzigartige Symbiose aus hochkarätigem fachlichem Austausch auf absolutem Top-Niveau und der familiären, fast schon legendären Netzwerk-Atmosphäre. Sie ist der jährliche Fixpunkt, an dem die gesamte Branche zusammenkommt, um über den Tellerrand zu blicken und die Trends von morgen zu diskutieren.
BC: Sehr geehrter Herr Dr. Fellner, danke für dieses tolle Feedback. Wir freuen uns sehr, Sie wieder bei uns zu begrüßen!

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