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Psychologie & Compliance: Interview mit Marvin Zimbelmann

‍Marvin Zimbelmann ist Compliance Officer bei H2APEX, einem Unternehmen für grünen Wasserstoff. Wir sprechen darüber, warum Compliance Business Cases liefern muss, um überzeugend zu sein und wo für Führungskräfte die Stolpersteine in der Kommunikation liegen.

Business Circle: Sehr geehrter Herr Zimbelmann, Sie sind nicht nur Head of GRC bei H2APEX, sondern haben mit dem Podcast comp_lines und der Compliance-Werkstatt.eu gleich zwei Projekte ins Leben gerufen, die sich an die Compliance-Community richten. Was treibt Sie an?

Marvin Zimbelmann: Compliance ist für mich mehr als ein Beruf – es ist eine echte Leidenschaft. Das klingt vielleicht abgedroschen, aber wer mich kennt, weiß, dass ich das auch genauso meine. Als Co-Host des Podcasts comp_lines habe ich angefangen, mein Wissen und meine Erfahrungen mit der Community zu teilen. Die Compliance-Werkstatt.eu ist nun meine ganz eigene, konsequente Weiterentwicklung: Ich habe in meiner Karriere immer wieder gesehen, dass Compliance-Verantwortliche, gerade in KMU, vor denselben regulatorischen Anforderungen stehen wie Großkonzerne, aber nur einen Bruchteil der Ressourcen haben. Sie verbringen Wochen damit, Richtlinien und Risikoanalysen von Grund auf neu zu bauen, obwohl 80 Prozent davon branchenübergreifend identisch sind. Compliance-Werkstatt.eu setzt genau da an: Fertige, praxiserprobte Templates und Toolkits, die Compliance-Praktiker sofort einsetzen können. Kein Beratungsvertrag, kein Overhead, sondern Werkzeuge aus der Praxis für die Praxis. Der Name ist Programm.

BC: Gerade in stark regulierten Branchen wie Banken oder Energieunternehmen ist Compliance selten der „beliebteste Bereich". Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Compliance nicht nur kontrollierend wirkt, sondern auch als Teil des Gesamt-Teams akzeptiert und als Wertschöpfer wertgeschätzt wird?

Zimbelmann: Ich würde gar nicht mal sagen, dass diese Aussage nur auf stark regulierte Branchen zutrifft. Das Image von Compliance hat sich in den letzten Jahren zwar deutlich verbessert, aber so richtig beliebt sind wir bei vielen – vor allem bei altmodischen Denkern – immer noch nicht.

Compliance sollte nie als reine Kontrollinstanz gedacht werden, sondern immer ein übergeordnetes Ziel verfolgen: Wie kann ich mit meinem Bereich einen positiven Wertbeitrag für das Unternehmen leisten? Die Antwort darauf kann sich situativ stark unterscheiden. Manchmal braucht es dafür tatsächlich eine kontrollierende Funktion – gerade in schwierigen Zeiten, in denen vieles abseits der Standardprozesse läuft. Die meiste Zeit über braucht es aber einen Sparringpartner, der sich aktiv in Projekte einbringt, den Vertrieb unterstützt und Compliance als strategische Funktion denkt – nicht als Regelhüter.

BC: Compliance lebt von klaren Regeln – Motivation lebt von Autonomie und Vertrauen. Wie verbindet man beides, ohne dass Compliance als Nörgler oder Business Verhinderer wahrgenommen wird?

Zimbelmann: Ihre Frage trägt die Antwort bereits in sich: Motivation lebt von Autonomie und Vertrauen. Baue ich als Compliance Officer das Vertrauen meiner Kollegen auf und gewähre ihnen in ihren Entscheidungen eine risikobasierte Autonomie, dann ist Compliance plötzlich auf einer Wellenlänge mit der Motivation. Und wenn die Kollegen erst verstehen, dass Compliance als Enabler wirkt, motiviert das zusätzlich.

Compliance-Botschaften in die Sprache des Gegenübers übersetzen

BC: „Keep us out of jail": Wie gelingt es, solche unbequemen Entscheidungen gegenüber Vorstand oder Gesellschaftern überzeugend zu vertreten, und was sind typische Fehler, die Compliance-Verantwortliche machen, wenn sie kritische Botschaften „nach oben" kommunizieren?

Zimbelmann: Das Wichtigste: nicht mit Angst argumentieren, sondern mit Relevanz. „Wir könnten verklagt werden" ist ein schwaches Argument – „Das kostet uns den Kunden X" oder „Das gefährdet unsere Kreditkonditionen" sitzt. Der typische Fehler: Compliance-Verantwortliche übersetzen ihre Botschaften nicht in die Sprache des Gegenübers. Ein CFO denkt in Zahlen, ein Vertriebsleiter in Kundenbeziehungen. Wer kritische Botschaften nach oben tragen will, muss sie so verpacken, dass der Empfänger den eigenen Vorteil darin erkennt – nicht die Compliance-Pflicht.

Und ganz praktisch: Nie nur mit dem Problem kommen, immer mit einer Lösung. Das unterscheidet den Berater vom Nörgler.

BC: Was ist für Sie ein „smart geschnürtes Arbeitspaket"? Und was hindert Führungskräfte daran, eines zu schnüren?

Zimbelmann: Ein smart geschnürtes Arbeitspaket hat drei Eigenschaften: Es ist klar priorisiert, realistisch dimensioniert und für das Team nachvollziehbar. Die Führungskraft weiß, warum genau diese Aufgaben jetzt dran sind – und kann das auch erklären.
Was viele daran hindert? Zwei Dinge. Erstens die Angst, sich festzulegen. Wer priorisiert, muss auch sagen, was gerade nicht dran ist – und das erfordert Entscheidungsmut. Zweitens fehlt oft das ehrliche Bild der eigenen Teamkapazität. Viele Führungskräfte schnüren Pakete auf Basis von Wunschdenken statt realer Ressourcen. Das Ergebnis sind überladene Teams, die an allem ein bisschen und an nichts richtig arbeiten.

BC: Sie werden in Ihrem Vortrag den Umgang mit demotivierten Teams behandeln, aber wie geht man umgekehrt mit übermotivierten Mitarbeitern um, die Kompetenzen überschreiten und dann gerade unter Compliance-Gesichtspunkten Schaden anrichten?

Zimbelmann: Es ist immer schade, wenn man bewusst die Rolle des Spaßverderbers spielen muss. Aber hin und wieder ist es notwendig, um die Leitplanken aufrechtzuerhalten, die man im eigenen Unternehmen erbaut hat, um das Geschäft abzusichern.
Entscheidend ist dabei das Timing: frühzeitig und transparent kommunizieren, warum bestimmte Grenzen existieren – nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wer die Leitplanken erklärt, bevor jemand dagegen fährt, wird nicht als Verhinderer wahrgenommen, sondern als jemand, der das Team vor vermeidbaren Fehlern schützt.

BC: Abschließend: Sie werden nun zum zweiten Mal bei uns auf der Bühne stehen, herzlichen Glückwunsch dazu! Möchten Sie Ihren Eindruck von der Premiere der "Compliance now! GERMANY" aus dem Jahr 2025 mit uns teilen?

Zimbelmann: Wie Sie richtig sagen: Ich bin das zweite Mal dabei – und das nicht ohne Grund. Die Premiere war meines Erachtens ein großartiger Erfolg und für mich persönlich eine große Bereicherung. Gerade der dadurch ermöglichte Austausch mit gleichgesinnten Compliance-Praktikern aus Österreich war eine willkommene und interessante Abwechslung.
Es ist schön zu sehen, dass die Compliance-Community nach so vielen Jahren immer noch facettenreicher wird. Der Austausch regt zum Denken an, hinterfragt eigene Methoden und eröffnet neue Ansätze.

Ich freue mich jedenfalls sehr auf die zweite Runde!

BC: Sehr geehrter Herr Zimbelmann, „Compliance radikal neu gedacht“ – vielen Dank für diese spannenden Ansätze. Wir freuen uns, dass Sie wieder ein Teil der "Compliance now! GERMANY" sind

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