Shared Reality: Siehst du, was ich sehe? Akseniya Asenova im Gespräch
Business Circle: Sehr geehrte Frau Asenova, Ihr Vortrag trägt den Titel „Zwischen den Blickwinkeln. Shared Reality – Siehst du, was ich sehe?“. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass sie (und nur sie) die Realität objektiv wahrnehmen. Wie kommt es zu diesem Bias?
Akseniya Asenova: Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Komplexität zu reduzieren. Wir nehmen die Welt nicht objektiv wahr, sondern interpretieren sie ständig. Das passiert auf Basis unserer Erfahrungen, Werte, Erwartungen und Emotionen und wir bemerken selten, wie viele Annahmen wir unbewusst treffen. Diese subjektive Interpretation fühlt sich für uns jedoch wie DIE Realität an. Genau darin liegt der Bias. Andere Perspektiven fühlen sich am Anfang wie eine Bedrohung unserer Realität, obwohl sie einfach unterschiedliche Ausschnitte einer Shared Reality sind. Wenn wir Zugang zu diesem gemeinsamen Narrativ finden, lösen sich viele der negativen Emotionen auf.
BC: Vor dem Hintergrund Ihrer internationalen Erfahrung: Wo haben Sie die größten Missverständnisse erlebt: zwischen Kulturen, zwischen Hierarchieebenen oder schlicht zwischen Menschen, die glauben, dieselbe Sprache zu sprechen?
Asenova: In internationalen Kontexten erwarten wir Unterschiede und sind deshalb vorsichtiger. Konflikte gibt es trotzdem, aber sie stammen eher aus den unterschiedlichen Arbeitsweisen. Innerhalb unserer eigenen Kultur glauben wir hingegen häufig, dass Begriffe wie „Verantwortung“, „Vertrauen“ oder „Respekt“ für alle dasselbe bedeuten - das ist selten der Fall. Menschen arbeiten oft mit völlig unterschiedlichen mentalen Modellen. Die schwierigsten Missverständnisse entstehen für mich zwischen Menschen, die glauben, dieselbe Realität zu teilen, es aber nicht tun
BC: Was meinen Sie mit „zoomen statt reagieren“? Und was sind Warnsignale dafür, dass ein Gespräch in eine toxische Richtung gleitet.
Asenova: Wenn wir uns angegriffen fühlen oder unter Stress stehen, verengen sich unsere Wahrnehmung und unser Handlungsspielraum. Wir interpretieren Aussagen schneller negativ und reagieren impulsiv. Durch hohe Selbstreflexion können wir uns selbst auffangen, wenn wir in so eine Spirale rutschen.
Warnsignale für eine negative Gesprächsdynamik sind Verallgemeinerungen wie „immer“ oder „nie“, das Unterstellen von Absichten, Rechtfertigungsschleifen oder das Gefühl, nicht mehr zuzuhören, sondern nur noch auf die nächste Antwort zu warten. Wo wir hinkommen wollen, ist: sie zu erkennen und uns selbst aufzufangen. Erst dann, können wir die Gesprächsdynamik in die richtige Richtung lenken.
BC: Reden wir eigentlich primär, um Informationen auszutauschen oder um Beziehungen zu gestalten? Machen Frauen und Männer das anders?
Asenova: Beides, je nachdem was unser Ziel und was das Verhältnis zum Gegenüber ist. Viele erleben die Kommunikation von Männern und Frauen als unterschiedlich, aber in Wirklichkeit sind die Unterschiede innerhalb des Geschlechts meist größer als die Unterschiede zwischen den Geschlechter, d.h. es gibt größere Diskrepanzen zwischen Frauen/Männer, die sehr direkt sind und solchen, die es nicht sind, als zwischen Frauen und Männern. Viel entscheidender sind Persönlichkeit, Kontext, Machtverhältnisse und Unternehmenskultur.
Zusammenarbeit als professionelle Partnerschaft
BC: „How to Manage Your Boss“ Wie können Assistentinnen lernen, ihren Chef zu „lesen“? Kann man einen Vorgesetzten auch „nach oben führen“, ohne manipulativ zu werden?
Asenova: Absolut. Die besten Assistentinnen, die ich kennengelernt habe, verstehen die Denkweise ihres Vorgesetzten. So wissen sie schon vorab, welche Informationen benötigt werden, welche Themen Stress auslösen und wie Prioritäten gesetzt werden und können die Entscheidungen antizipieren.
Vorgesetzte schätzen dieses proaktive Denken sehr und sehen es in der Regel nicht als Manipulation. Manipulation entsteht, wenn wir eine Person in eine für sie eher ungünstige Situation zu unserem eigenen Vorteil bringen. Hier agieren Assistentinnen im Sinne ihres Vorgesetzten, somit handelt es sich für mich um das komplette Gegenteil. Das macht für mich eine professionelle Partnerschaft aus.
BC: Wir arbeiten remote oder vom Home-Office und kommunizieren schriftlich. Per E-Mail oder Chat. Dabei fehlen aber Mimik, Gestik und Tonlage, welche es im persönlichen Gespräch einfacher machen, die Absicht seines Gegenübers zu erkennen. Wo lauern da die Konfliktpotenziale und was kann man am besten dagegen tun?
Asenova: Sobald wir eine unangenehme Dynamik merken, anrufen und sofort ansprechen. Das kostet vielen eine große Überwindung. Beim Schreiben haben wir Zeit, uns die genauen Formulierungen zu überlegen und dadurch “sichern wir uns ab”. Beim Telefonieren kann uns natürlich etwas ausrutschen, aber dafür sind wir für unser Gegenüber greifbarer (und sie für uns auch). So können viele Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden.
Dabei muss der Konflikt nicht sofort gelöst werden. Es reicht schon, einen Termin ausmachen, um dann in Ruhe über die Situation zu sprechen.
BC: Und zum Schluss: Wenn Sie den Teilnehmerinnen der SUCCESS nur einen einzigen Tipp mitgeben könnten, damit die Zusammenarbeit morgen besser funktioniert als heute welche wäre das?
Asenova: Die eigene Haltung ab und zu hinterfragen. Wenn wir uns in angespannten Situationen einmal sagen; „Vielleicht habe ich nicht die ganze Geschichte.“, verändern wir die Art, wie wir zuhören, Folgefragen stellen und Entscheidungen treffen. Wer offen für sein Gegenüber bleibt, statt vorschnell zu urteilen, ermöglicht produktive Zusammenarbeit.
BC: Danke für dieses inspirierende Gespräch, wir freuen uns, Sie bald persönlich auf der Success zu begrüßen!

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