Wie Stahl „grün“ wird: Dennis Stindt, Saarstahl Ascoval im Gespräch
Business Circle: Sehr geehrter Herr Dr. Stindt, Saarstahl Ascoval gilt als Vorreiter in der Transformation zur grünen Stahlproduktion. Was ist für Sie persönlich der entscheidende Moment, in dem aus einem traditionellen Industriezweig eine klimaneutrale Zukunftsbranche werden kann?
Dennis Stindt: Die Stahlerzeugung über die vorherrschende Hochofenroute ist heute einer der CO₂-intensivsten industriellen Prozesse. Der entscheidende Moment in der Transformation war aus meiner Sicht erreicht, als wir aufhörten, nur über die Dekarbonisierung zu reden, sondern begonnen haben, unsere industriellen Kernprozesse konsequent neu zu denken und den Umbau mit Enthusiasmus in Angriff zu nehmen.
In der saarländischen Stahlindustrie sind wir aktuell mitten in der Umsetzung. Wir ersetzen die traditionelle Hochofenroute durch eine moderne Direktreduktionsanlage in Kombination mit Elektrolichtbogenöfen. Damit setzen wir eines der größten industriellen Dekarbonisierungs-projekte in Europa um und schaffen die Grundlage für eine klimafreundliche Stahlproduktion.
Dass diese Transformation bereits Realität ist, zeigen wir auch in Nordfrankreich. Dort betreiben wir mit Saarstahl Ascoval schon heute einen Elektrolichtbogenofen und gehören damit zu den Vorreitern bei der Herstellung von grünem Stahl. Statt Eisenerz und Kohle setzen wir auf Stahlschrott und Strom und können unseren Kunden so bereits heute Produkte mit deutlich reduziertem CO₂-Fußabdruck anbieten. Beispielhaft ist auch die Umsetzung von Circular Economy Konzepten, die wir unter anderem im europäischen Schienenmarkt erfolgreich umsetzen.
Mit anderen Worten: Die Transformation zur klimaneutralen Stahlindustrie ist kein fernes Zukunftsprojekt. Wir sind mittendrin, haben einen klaren Fahrplan und werden diesen in den kommenden Jahren konsequent umsetzen.
BC: Was sind die größten technischen und organisatorischen Hürden bei der Transformation – und wo sehen Sie derzeit die größten Fortschritte?
Stindt: Die Transformation der Stahlindustrie ist letztlich eine grundlegende Veränderung der gesamten Wertschöpfungskette.
In der Produktion investieren wir an unseren deutschen Standorten rund 4,6 Milliarden Euro in neue Anlagen und Logistikstrukturen. Dabei ersetzen wir die klassische Hochofenroute durch eine völlig neue Technologiebasis: eine wasserstoffbasierte Direktreduktionsanlage in Kombination mit zwei Elektrolichtbogenöfen. Eine besondere Herausforderung dabei ist, dass dieser Umbau im laufenden Betrieb erfolgt – wir transformieren also eine bestehende Industrie, während wir gleichzeitig weiterhin zuverlässig für unsere Kunden produzieren.
Eine zweite große Herausforderung liegt in der Beschaffung. Während früher vor allem Eisenerz und Kohle im Mittelpunkt standen, benötigen wir künftig große Mengen an Stahlschrott, grünem Strom und grünem Wasserstoff. Der Erfolg der Transformation hängt daher auch davon ab, dass die notwendigen Wasserstoff- und Stromkapazitäten in ausreichendem Umfang und zu wettbewerbsfähigen Preisen bereitstehen.
Gleichzeitig arbeiten wir sehr eng mit unseren Kunden zusammen, um unsere Transformationsstrategie mit deren eigenen Dekarbonisierungszielen zu verzahnen. Über unser Werk in Nordfrankreich können wir bereits heute CO₂-reduzierten Stahl anbieten. Dessen CO₂-Fußabdruck wird über anerkannte Zertifizierungen wie Environmental Product Declarations oder den Low Emission Steel Standard transparent und nachvollziehbar dokumentiert.
Die größten Fortschritte sehen wir aktuell vor allem darin, dass aus Konzepten zunehmend konkrete industrielle Projekte werden – mit realen Investitionen, neuen Anlagen und ersten Produkten, die bereits heute einen deutlich reduzierten CO₂-Fußabdruck haben.
BC: Welche Rolle spielen Innovationen – etwa in der Prozessdigitalisierung oder beim Recycling – in Ihrer Grünstahl-Strategie?
Stindt: Die Transformation zur klimaneutralen Stahlproduktion ist für uns zugleich ein großer Innovationssprung. Sie betrifft nicht nur die Anlagentechnologie, sondern auch die Art und Weise, wie wir Produktion organisieren und steuern.
Bereits heute setzen wir in der Produktion digitale Methoden und zunehmend auch KI-Modelle ein, um Prozesse zu optimieren, Energie effizienter zu nutzen und die Qualität unserer Produkte weiter zu verbessern. Die Umstellung auf die neue Produktionsroute bietet uns die Chance, Digitalisierung von Anfang an mitzudenken und unsere Prozesse noch stärker datenbasiert zu steuern.
In diesem Sinne sind wir mitten in der realen Umsetzung der sogenannten „Twin Transformation“ – dem gleichzeitigen Zusammenspiel aus Dekarbonisierung und Digitalisierung.
Grüner Stahl nur mit grüner Energie und verlässlichen Rahmenbedingungen
BC: Welche Erwartungen haben Sie an die Politik – insbesondere an den CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) und die Versorgung mit grünem Strom?
Stindt: Für die Transformation der Stahlindustrie ist vor allem eines entscheidend: ein stabiler und verlässlicher politischer Rahmen. Die Industrie trifft derzeit langfristige Investitionsentscheidungen in Milliardenhöhe. Deshalb ist es wichtig, dass der eingeschlagene klimapolitische Kurs konsequent weiterverfolgt wird und Planungssicherheit besteht.
Ein zweiter zentraler Punkt ist die Energieversorgung. Die klimaneutrale Stahlerzeugung wird künftig auf großen Mengen erneuerbaren Stroms und Wasserstoff basieren. Entscheidend ist daher, dass diese Energieträger in ausreichender Menge und zu international wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sind. Gleichzeitig braucht es grüne Leitmärkte, die den Hochlauf der klimafreundlichen Produktionsroute unterstützen. Bei öffentlichen Ausschreibungen muss der CO₂-Fußabdruck eine höhere Berücksichtigung finden.
Und schließlich ist ein wirksamer Schutz vor CO₂-intensiven Importen entscheidend. Instrumente wie der Carbon Border Adjustment Mechanism müssen sicherstellen, dass europäische Unternehmen, die in klimafreundliche Technologien investieren, im internationalen Wettbewerb nicht benachteiligt werden.
Zusammenfassend: Die Transformation der Stahlindustrie entscheidet sich nicht nur in unseren Werken, sondern auch beim Ausbau der Energieinfrastruktur und bei fairen Wettbewerbsbedingungen im globalen Markt.
BC: Wir dürfen Sie zum ersten Mal beim Sustainability Summit in Wien begrüßen - Österreich gilt mit zahlreichen Projekten zur grünen Industrie – von Wasserstoff bis Kreislaufwirtschaft – als Hidden Champion in Nachhaltigkeit. Wie beobachten Sie die Entwicklungen hierzulande, und gibt es für Sie Anknüpfungspunkte oder Kooperationen mit österreichischen Partnern?
Stindt: Ich freue mich sehr, erstmals beim Sustainability Summit in Wien dabei zu sein. Österreich ist in vielen Bereichen der industriellen Transformation sehr weit. Tatsächlich arbeiten wir bereits heute mit österreichischen Partnern zusammen und liefern beispielsweise CO₂-reduzierte Produkte wie die „grüne“ Schiene in den österreichischen Markt.
Solche Plattformen wie der Sustainability Summit sind deshalb sehr wertvoll, weil sie Industrie, Politik und Technologieanbieter zusammenbringen. Ich freue mich auf den Austausch und bin überzeugt, dass sich daraus auch neue Anknüpfungspunkte für Kooperationen ergeben können.
BC: Sehr geehrter Herr Dr. Stindt, Wir danken Ihnen für das Gespräch – und für die ehrliche Einschätzung, über die Erfolgsaussichten der grünen Stahlindustrie. Wir freuen uns, Sie bald auf unserer Bühne in Wien zu begrüßen.

.jpg)

%2520-%2520Kopie.jpeg)
.png)


