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Biodiversität und Zertifikate – Ein unlösbarer Widerspruch oder eine wirksame Partnerschaft?

Von Dr. Jürgen Schneider, BMLUK: Echter Impact oder modernes Ablasshandelssystem? Eine Analyse über Datenlücken, fragile Methoden und die Frage, wie Biodiversitäts-Zertifikate ökonomisch und ökologisch die optimale Wirksamkeit erzielen.

Die Herausforderungen bei der Finanzierung von Ökosystemleistungen und Biodiversitätsmaßnahmen sind vielfältig. Es fehlen wichtige Investitionen in den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen und die Anpassung an Klimarisiken, die jedoch der volkswirtschaftlich vernünftigste Weg sind, um langfristig Kosten zu begrenzen. Denn die Kosten des Nichthandelns sind oft teurer als das Setzen von Maßnahmen, etwa zur Anpassung an den Klimawandel oder zum Schutz der Biodiversität. Die Schäden durch Extremwetterereignisse, Biodiversitätsverluste oder Wasserknappheit gehen bereits heute in die Milliarden.

Der Investitionsbedarf in diesen Bereichen ist allerdings enorm und daher nicht alleine von der öffentlichen Hand finanzierbar. Das Ziel der europäischen Biodiversitätsstrategie lautet beispielsweise, jährlich 20 Milliarden Euro für den Schutz und die Förderung der Biodiversität bereitzustellen. Die Finanzwirtschaft kann hier eine wichtige Verbündete sein und privates Kapital für die notwendigen Investitionen bereitstellen.

Nature Credits werden immer öfter als möglicher Wegbereiter zur Erreichung von international und national gesetzten Biodiversitätszielen genannt. Gerade in Zeiten sinkender öffentlicher Budgets kommt der Finanzierung durch privates Kapital dabei eine immer wichtigere Rolle zu. „Nature Credits“ könnten dazu beitragen, den großen Investitionsbedarf zur Wiederherstellung der Natur und zur Erreichung der Biodiversitätsziele zu decken. Voraussetzung dafür ist, dass sie in einen verlässlichen, konsistenten, robusten und wissenschaftsbasierten Rahmen eingebettet werden. Mit einem transparenten und überprüfbaren System könnten Finanzierungen, die einen Mehrwert zur Biodiversität leisten und Greenwashing vermeiden, angeregt werden.

Kaufen wir uns mit Zertifikaten einen ökologischen Mehrwert – oder lediglich ein gutes Gewissen?

Biodiversitäts- und Treibhausgas-Zertifikate gewinnen an Bedeutung, weil Unternehmen Wege suchen, ihre ökologischen Auswirkungen zu reduzieren und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Investor:innen erhoffen sich darin neue Märkte und Investitionsmöglichkeiten mit positivem Beitrag zum Erhalt der Natur und Artenvielfalt.

Doch gerade dieser wachsende Markt steht vor einem zentralen Problem: Ohne klare, international abgestimmte Standards und wirksame Regulierung bleibt die Glaubwürdigkeit vieler Zertifikate fraglich. Der Anspruch, messbar dauerhaft positive ökologische Effekte zu schaffen, kollidiert häufig mit inkonsistenten Methoden, intransparenten Berechnungsmodellen und fehlender unabhängiger Kontrolle. Je wichtiger Zertifikate für Klimastrategien, Nachhaltigkeitsberichterstattung und Reputation werden, desto größer ist auch das Greenwashing-Risiko oder das Risiko kontraproduktiver Anreize.

Dabei taucht eine Vielzahl an Fragen hinsichtlich der Belastbarkeit der zugrundeliegenden Daten, der Transparenz der Methoden auf oder auch ganz prinzipiell, ob komplexe Ökosystemleistungen wirklich in einfache Zahlen gefasst werden können.

Wie transparent und glaubwürdig sind Biodiversitäts- und Treibhausgas-Zertifikate?

Mit klaren, verbindlichen Standards und einer wirksamen Regulierung können Biodiversitäts- und Treibhausgas-Zertifikate vertrauenswürdig werden. Häufig werden jedoch Methoden verwendet, die weder öffentlich dokumentiert noch wissenschaftlich validiert sind. Unterschiedliche Bewertungslogiken führen dazu, dass zwei Projekte mit identischem ökologischem Output völlig unterschiedliche Zertifikatswerte erzeugen können. Nur mit vergleichbaren, nachvollziehbaren Kriterien lässt sich die Qualität eines Zertifikats beurteilen.

Einheitliche Regeln, unabhängige Kontrollen und öffentlich zugängliche Daten sind somit nötig, um Transparenz zu schaffen und das Vertrauen in Zertifikate langfristig zu sichern.

Eine wichtige Grundlage für diese Arbeiten ist eine einheitliche Definition der Wirkung: Was genau zählt als Biodiversitätsgewinn? Wie lange muss der Effekt anhalten? Wie wird die Qualität eines Ökosystems bewertet? Die Messung von Artenvielfalt, Ökosystemintegrität oder Habitat-Qualität ist wissenschaftlich komplex und beinhaltet Interpretationsspielräume. Solange jedes Zertifizierungsprogramm eigene Kriterien entwickelt, entstehen große Spielräume für deren Auslegung. Für Unternehmen ist es dadurch schwierig zu unterscheiden, ob ein Zertifikat substanzielle Umweltwirkungen hat oder primär kommunikative Vorteile bietet.

Eine weitere Voraussetzung ist die Datentransparenz. Viele Zertifikate basieren auf komplexen Modellen anstatt auf kontinuierlichem Monitoring. Ohne nachvollziehbare, öffentlich zugängliche Daten – etwa Satellitendaten, Bodenanalysen oder langfristige Projektberichte – besteht das Risiko, dass behauptete Wirkungen nicht überprüfbar oder überschätzt sind. Dies schwächt nicht nur das Vertrauen von Investor:innen und Aufsichtsbehörden, sondern gefährdet auch die Legitimität des Gesamtmarktes.

Für Unternehmen und Finanzinstitute bedeutet das eine Chance, kann aber auch ein Reputationsrisiko darstellen, wenn die Kriterien und Standards unklar sind. Wer auf zweifelhafte Zertifikate setzt, setzt sich Risiken von Greenwashing-Vorwürfen, der Nicht-Einhaltung von regulatorischen Vorgaben und einer möglichen Fehlallokationen von Kapital aus. Gleichzeitig wächst der Druck, ökologische Leistungen nachweisen zu können – nicht nur seitens Konsument:innen, sondern auch im Rahmen aufkommender Regulierungen wie der TNFD (Taskforce on Nature-related Financial Disclosures), CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) oder internationalen Kohlenstoffmärkten.

Ein Markt für Nature Credits kann daher funktionieren, wenn klare Standards, technologische Transparenz und unabhängige Kontrollmechanismen den gemeinsamen Rahmen bilden. Dafür braucht es einheitliche, wissenschaftlich fundierte Standards, eine klare Definition für den Mehrheit von Naturleistungen und für Langfristigkeit, transparente Datenerfordernisse. Ebenso müssen ein verpflichtendes Monitoring sowie streng akkreditierte Verifizierungsstellen und einen Rechtsrahmen, der Marktmissbrauch sanktioniert, sichergestellt werden.

Ohne diese Grundlagen bleiben Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit von Biodiversitäts- und Treibhausgas-Zertifikaten begrenzt. Es sind noch viele Schritte auf dem Weg zu einem funktionierenden Markt für Nature Credits zu gehen. Möglicherweise sind diese Zertifikate auch nur für bestimmte, leicht zu überprüfende Bereiche geeignet. Eine genauere Analyse, wie dieser Markt aussehen kann, lohnt sich aber jedenfalls.

Die Vorschläge der Europäischen Kommission sind daher ein wichtiger Schritt zur Entwicklung der Grundlagen für Zertifizierungen. Die Arbeiten dazu haben soeben im Rahmen einer Expert:innengruppe begonnen.

Das BMLUK setzt sich seit einiger Zeit auch intensiver mit den Chancen und Risiken im Bereich der Biodiversität auseinander. Dies wird auch in die Arbeiten auf europäischer Ebene einfließen können.

Zur Erstabschätzung der Exponiertheit gegenüber Auswirkungen auf den Zustand der Natur und Abhängigkeiten von Ökosystemleistungen hat das BMLUK aktuell eine Biodiversitätsanalyse zum österreichischen Finanzmarkt in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse Ende 2026 vorliegen werden. Auch wurde im Rahmen der Green Finance Alliance, der Initiative des BMLUK zur nachhaltigen Transformation des österreichischen Finanzmarkts, im Jahr 2025 ein Leitfaden zur Integration von Biodiversität in das Kerngeschäft von Finanzunternehmen veröffentlicht.

Chancen für Finanz- und Realwirtschaft

Die ökologische Krise hat den Wert der Biodiversität für Wirtschafts- und Finanzsysteme sichtbar gemacht. Intakte Ökosysteme sind nicht nur ein ethisches oder ökologisches Anliegen, sondern zunehmend ein betriebswirtschaftlicher Faktor: Sie schützen Lieferketten, stabilisieren Produktionsstandorte und reduzieren langfristig finanzielle Risiken.

Banken, die Biodiversität als Anlageklasse etablieren, haben ein starkes Interesse an Projekten mit messbarem Impact – und genau diese Projekte finden sich besonders dort, wo Boden, Wasser, Biomasse und Ökosystemleistungen zentrale Produktionsfaktoren sind. Unternehmen, die früh in Biodiversitätsmanagement investieren, verbessern nicht nur ihre ESG-Position, sondern sichern sich langfristige Standort- und Versorgungssicherheit. Unternehmen, die Renaturierungsprojekte, nachhaltige Lieferketten oder ressourcenschonende Produktionsmethoden umsetzen, könnten künftig besseren Zugang zu Kapital erhalten.

Damit sich Biodiversität jedoch wirklich als Anlageklasse etabliert, braucht es neben den oben erwähnten Voraussetzungen für ein Funktionieren eines Nature Credits-Markts auch ein regulatorisches Umfeld, das Biodiversitätsrisiken systematisch in Finanz-entscheidungen integriert.

© Fotos: Johannes Hloch und Business Circle

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