Chancen & Risiken für den M&A Markt im heißdiskutierten Defencebereich: Herbert Decker im Gespräch
Business Circle: Sehr geehrter Herr Dkfm. Decker, Sie sind Managing Director der MFL Maschinenfabrik Liezen und Gießerei. Möchten Sie uns eingangs kurz skizzieren, wie Sie Ihr Weg dorthin geführt hat?
Herbert Decker: Den Einstieg habe ich vor über 30 Jahren unmittelbar nach der HAK-Matura im Bereich des Vertriebs von Gussteilen gefunden. Meine weiterführenden Ausbildungen, u. A. das Studium der Wirtschaftswissenschaften sowie der Wirtschafts- und Organisationspsychologie, habe ich allesamt berufsbegleitend während meiner beruflichen Laufbahn in der Unternehmensgruppe absolviert.
Diese Kombination aus operativer Praxis und gezielter Weiterbildung hat es mir ermöglicht, das Unternehmen aus unterschiedlichen Perspektiven zu durchdringen: von der Gießerei über Finance & Administration bis hin zu strategischen Managementfunktionen. Der Weg in die Geschäftsführung der MFL sowie mehrerer Schwestern- und Tochtergesellschaften war letztlich eine konsequente Entwicklung daraus.
BC: Der Defence-Sektor erlebt aktuell einen massiven Investitions-Schub. Ist dieses Wachstum nachhaltig oder wächst gerade eine Bubble?
Decker: Eine Blase sehe ich hier nicht. Wir verfolgen in Europa mit Entsetzen das Fortschreiten von Autokratien und Diktaturen weltweit, nach deren Vorstellung nicht die Stärke des Rechts, sondern das Recht des Stärkeren gilt. Politische Interessen werden in erschreckend zunehmendem Tempo durch wirtschaftlichen und militärischen Druck, Erpressung und kriegerische Auseinandersetzungen verfolgt und durchgesetzt. Wir erkennen, dass wir unsere Werte, unseren Wohlstand und unsere Demokratien nur schützen können, den Frieden nur erhalten können, wenn wir notfalls in der Lage wären, uns zu verteidigen. Die Herstellung dieser Verteidigungsbereitschaft und das Ausmaß der dafür erforderlichen Verteidigungsgüter wird uns viele Jahre beschäftigen.
BC: Investoren entdecken den Defence-Sektor neu. Wie unterscheidet dieser sich von anderen Märkten, insbesondere aus der Sicht von Private Equity oder strategischen Käufern?
Decker: Dieser Markt entwickelt aufgrund der vorher geschilderten, geopolitischen Sicherheitslage eine ungeheure Dynamik. Unternehmen mit den zur Herstellung von Verteidigungsgütern erforderlichen technologischen Fähigkeiten – wie auch das unsere – mussten sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auf zivilen Märkten mit Billiganbietern die kaum vorhandenen Margen teilen und weisen häufig eine dünne Kapitaldecke auf, mit der die zur notwendigen drastischen Steigerung der Produktionsraten erforderlichen Investitionen kaum bewältigt werden können. Dies bietet Private Equity und strategischen Käufern interessante Einstiegsmöglichkeiten mit in den nächsten Jahren steigenden Ertragsaussichten.
BC: Ein zentraler Faktor ist die Regulatorik. Wie stark beeinflussen Exportkontrollen, Genehmigungsverfahren und politische Rahmenbedingungen konkret M&A-Transaktionen?
Decker: Direkt gar nicht. Unternehmen, welche für M&A-Transaktionen in Frage kommen, sollten diese Hürden bereits genommen, die entsprechenden Prozesse und Verfahren längst installiert bzw. erforderliche Genehmigungen und Zulassungen bereits erworben haben.
BC: Sie positionieren sich als flexibler Fertigungspartner entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wie gehen Sie mit der Frage um, welche Partner, Investoren oder Kunden aus ethischer und strategischer Sicht überhaupt infrage kommen?
Decker: Aus ethischer und strategischer Sicht kommen für uns ausschließlich Partner und Investoren aus Ländern infrage, die im Einklang mit den sicherheitspolitischen Interessen unserer Kunden stehen und als verlässliche, befreundete Staaten gelten. Diese Orientierung folgt einer klaren Leitlinie in der Auswahl unserer Geschäftsbeziehungen – gerade in sensiblen industriellen Bereichen.
Langfristig tragfähige Partnerschaften vor kurzfristigem Profit
BC: Wenn es nicht „nur“ ums Geld, sondern im Ernstfall um sicherheitskritische Anwendungen geht: Wie verändern sich Qualitätsanforderungen und Due-Diligence-Prozesse im Vergleich zu klassischen Industriebeteiligungen?
Decker: Neben den klassischen Kriterien rücken in der Due Diligence vor allem drei Punkte in den Mittelpunkt: Erstens die nachgewiesene Fähigkeit, die spezifischen „Spielregeln“ im Defence-Bereich zu erfüllen – also technologische Tiefe, belastbare Qualitätsprozesse und regulatorische Konformität. Zweitens die operative Verlässlichkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette, insbesondere unter sicherheitskritischen Rahmenbedingungen. Und drittens die strategische Passfähigkeit zum jeweiligen sicherheitspolitischen Umfeld.
Entscheidend ist für uns, ob ein Unternehmen diese Anforderungen über Jahre hinweg unter Beweis gestellt hat – oder ob es lediglich versucht, kurzfristig von der aktuellen Marktdynamik zu profitieren.
BC: Dual-Use-Produkte gelten als Brücke zwischen zivilem und militärischem Markt. Ist das ein strategischer Vorteil – oder ein regulatorisches Minenfeld, das Investitionen eher bremst?
Decker: Der Begriff „regulatorisches Minenfeld“ trifft es aus meiner Sicht sehr gut. Gleichzeitig liegt genau darin auch die strategische Dimension: Wer diese regulatorische Komplexität beherrscht, schafft sich einen klaren Marktvorteil. Dual-Use ist damit beides – Herausforderung und Chance. Die Hürden sind hoch, insbesondere was Exportkontrollen, Compliance und Dokumentation betrifft. Aber genau diese Hürden sorgen auch dafür, dass der Markteintritt nicht beliebig ist.
BC: Abschließend und etwas Allgemeiner: Was würden Sie einer jungen Studentin oder Studenten raten, die sich für Maschinenbau und speziell den Verteidigungsbereich interessiert?
Decker: Frühzeitig den Kontakt zur Industrie suchen – idealerweise schon während des Studiums. Praxisnähe ist in diesem Bereich entscheidend, weil viele Anforderungen weit über das hinausgehen, was rein akademisch vermittelt wird. Wer sich gezielt mit sicherheitskritischen Anwendungen auseinandersetzen will, sollte bewusst den Einstieg bei Unternehmen wählen, die in diesem Umfeld bereits etabliert sind – und dort möglichst früh Verantwortung übernehmen. Heißt ganz konkret: sich bei uns bewerben und den direkten Austausch suchen.
BC: Sehr geehrter Herr Dkfm. Decker, vielen Dank für dieses klare und differenzierte Gespräch – und die Einblicke in einen für viele unbekannten Markt, der wirtschaftlich wie geopolitisch weiter an Bedeutung gewinnen wird.
(c) Fotos: Birgit Steinberger, Business Circle

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