Der unterschätzte Erfolgsfaktor der Nachhaltigkeit: Psychologie. Interview mit Fabian Hirt.
Business Circle: Sehr geehrter Herr Hirt, eingangs etwas Persönliches: Was genau tut ein Klimapsychologe und was Sie bewogen, eben diesen Beruf zu wählen?
Fabian Hirt: Als Klimapsychologe bringe ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klimapsychologie rein in die Praxis. Dabei ist es mein Ziel, Change-Maker:innen die Tools und Erkenntnisse der Klimapsychologie an die Hand zu geben, damit sie noch wirkungsvoller für Nachhaltigkeit motivieren, mobilisieren und kommunizieren können. Doch was ist Klimapsychologie überhaupt? Hierbei handelt es sich um eine Spezialdisziplin der Psychologie, die sich u.a. anschaut, was uns Menschen von klimafreundlicherem Verhalten abhält und wie diese psychologischen Bremsen des Handelns gelöst werden können. Genau das fasziniert mich jeden Tag aufs Neue, weshalb ich auch diesen Beruf gewählt habe.
BC: Wir wissen seit Jahren, was ökologisch notwendig wäre. Warum handeln wir trotzdem so selten danach?
Hirt: Weil wir Menschen leider nicht so rational sind, wie wir es manchmal gerne wären. Das zeigt sich ja nicht nur im Bereich der Nachhaltigkeit, sondern auch beim Rauchen, bei der Ernährung oder beim Sport. Wissen alleine führt nicht zu Handeln.
Grund dafür ist, dass zwischen dem „ich weiß es“ und „ich tue es“ verschiedene psychologische Bremsen liegen, wie bspw. unsere Gewohnheiten, soziale Normen oder unser Selbstbild.
BC: Nachhaltigkeitskommunikation arbeitet häufig mit moralischen Appellen: Wir sollen weniger konsumieren, weniger fliegen, Ressourcen sparen und unseren Lebensstil ändern. Warum funktioniert dieser Zugang oft nicht so richtig?
Hirt: Weil wir Menschen uns dadurch in unserer Autonomie, Kompetenz oder sozialen Verbundenheit angegriffen fühlen und darauf dann mit Reaktanz reagieren. Denn diese stellen unsere psychologischen Grundbedürfnisse dar. Werden diese bedroht, wollen wir sie verteidigen.
BC: Zur Führung im Unternehmen: Was motiviert Menschen Ihrer Erfahrung nach tatsächlich zu Veränderungen: finanzielle Anreize, klare Vorgaben, persönliche Überzeugung, Vorbilder oder das Gefühl, gemeinsam etwas Sinnvolles zu erreichen?
Hirt: Hier lautet die Antwort leider: Es kommt darauf an. Denn welche Lösung wirklich wirkt, hängt letztendlich davon ab, was die Zielgruppe gerade bremst, ihr Verhalten zu verändern. Deswegen empfehle ich klar: erst einmal identifizieren, welche psychologischen Bremsen bei meiner Zielgruppe gerade besonders aktiv sind und dann Maßnahmen auswählen, um diese gezielt abzubauen. Ohne diesen Schritt werden häufig Maßnahmen ausgewählt, die keine Wirkung zeigen, da sie an den falschen Punkten ansetzen.
Nachhaltiges Verhalten muss die günstigste und bequemste Wahl sein
BC: Und wie viel Veränderung kann man überhaupt durch individuelle Motivation erreichen? Beziehungsweise ab wann braucht es politische Rahmenbedingungen, die nachhaltiges Verhalten einfacher machen?
Hirt: Vorweg sei gesagt: Verhalten von Individuen, seien es Mitarbeitende oder Bürger:innen, findet nie im Vakuum statt. Soziale Faktoren sowie die (politischen) Rahmenbedingungen haben hier immer einen Einfluss.
Bei ausgewählten Verhaltensweisen kann es ausreichen, die individuelle Motivation zu steigern, v.a. wenn die Rahmenbedingungen bereits gut sind. Die individuelle Motivation stößt allerdings an Grenzen, wenn Personengruppen kaum bis gar nicht die Möglichkeit haben, sich nachhaltiger zu verhalten, bspw. weil die notwendige Infrastruktur nicht besteht oder (zu) teuer oder umständlich ist, um sie zu nutzen. Um Nachhaltigkeit wirklich in die breite Masse zu bekommen, muss das Ziel sein, dass das nachhaltige Verhalten das günstigste und das bequemste ist. Genau hierfür braucht es entsprechende politische Rahmenbedingungen.
BC: Wenn Sie den Nachhaltigkeitsverantwortlichen auf unserer Konferenz nur einen psychologischen Grundsatz mitgeben könnten, der die Umsetzung im Unternehmen wirksamer macht, welcher wäre das?
Hirt: Erst analysieren, welche psychologischen Bremsen meine Zielgruppe gerade zurückhalten, sich nachhaltiger zu Verhalten, und dann handeln.
BC: Danke für das Gespräch und den spannenden Perspektivenwechsel. Wir freuen uns, das Thema beim Sustainability Summit noch weiter zu vertiefen.

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