TOPICS

EVENTS

Lehrlingsforum

Die Zukunft der dualen Ausbildung neu denken. Ein Gespräch mit Elfriede Schober, Vizepräsidentin der AK Wien

Elfriede Schober hat Ihren Berufsweg selbst mit der Lehre begonnen und ist überzeugt: Wer Fachkräfte will, muss sie auch ausbilden. Im Interview plädiert sie für plädiert für bessere Information, offene Berufswahl und mehr Verantwortung der Unternehmen.

Business Circle: Sehr geehrte Frau Schober, eingangs etwas Persönliches: Sie selbst haben als gelernte Bürokauffrau Ihre berufliche Laufbahn in einem Industriebetrieb begonnen und sich später über den Betriebsrat bis in die Arbeiterkammer und den ÖGB entwickelt. Was hat Ihnen Ihre eigene Lehre ermöglicht, was heute vielleicht nicht mehr selbstverständlich ist und was hätten Sie sich damals schon gewünscht?

Elfriede Schober: Meine Lehre als Bürokauffrau hat mir ermöglicht, früh Verantwortung zu übernehmen, praktische Erfahrungen zu sammeln und selbstbewusst meinen beruflichen Weg zu gehen. Doch gerade als junge Frau in einem Industriebetrieb bin ich auf Herausforderungen gestoßen. Ich hätte mir schon damals mehr Unterstützung gewünscht – insbesondere, um bestehende Hürden abzubauen. Genau dafür setze ich mich heute ein: für gleiche Chancen und gerechte Rahmenbedingungen, unabhängig vom Geschlecht.

BC: Sie werden beim Lehrlingsforum gemeinsam mit Wirtschaft, Bildung, Politik und Sozialpartnerschaft auf einem Panel zur Zukunft der dualen Ausbildung sitzen. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Schwachstellen im österreichischen Lehrlingssystem und wer müsste sie beheben?

Schober: Das österreichische Lehrlingssystem ist grundsätzlich gut strukturiert und hat sich über Jahrzehnte bewährt. Dennoch gibt es Potenzial zur Weiterentwicklung. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern und systematische Barrieren abzubauen. Gleichzeitig müssen Betriebe wieder ihrer Verantwortung stärker nachkommen und mehr in die Ausbildung investieren. Fachkräfte entstehen nicht von allein. Auch digitale und technologische Fortschritte – etwa durch Künstliche Intelligenz – machen eine Weiterentwicklung zwingend notwendig. Schulen und Unternehmen müssen diese Transformation aktiv gestalten, um Lehrberufe zukunftssicher zu machen.

BC: Zusammenfinden müsste man halt: Es gibt Unternehmen, die händeringend Lehrlinge suchen, während manche Jugendliche gar nicht wissen, welche Möglichkeiten eine Lehre bietet. Ist das in erster Linie ein Kommunikationsproblem oder haben wir ein strukturelles Problem bei der Berufsorientierung?

Schober: Wir wissen, dass Unternehmen heute immer weniger in die Aus- und Weiterbildung investieren. Das betrifft sowohl die bereits bestehende Belegschaft als auch die Lehrausbildung. Viele Betriebe bilden keine Lehrlinge mehr aus, fordern aber qualifizierte Fachkräfte. Das kann so nicht funktionieren! Wer Fachkräfte will, muss sie ausbilden. Außerdem braucht es bessere und gezieltere Informationen für Jugendliche über die vielfältigen Möglichkeiten, die eine Lehre bietet.

BC: Daran anschließend: Was sollte sich die Wirtschaft nicht länger von Schule und Politik erwarten, sondern besser selbst in die Hand nehmen?

Schober: Unternehmen müssen in der Lehrlingsausbildung mehr Initiative zeigen und geeignete Strukturen schaffen. Zum Beispiel: Viele Mädchen würden gerne technische und handwerkliche Berufe lernen, aber oft fehlen die einfachsten Voraussetzungen wie eigene Umkleiden für weibliche Lehrlinge. Auch bei Jugendlichen mit Migrationsgeschichte gibt es großes Potenzial. Sprachbarrieren, vor allem mangelnde Deutschkenntnisse, stehen einer erfolgreichen Lehrausbildung häufig im Weg. Hier können Unternehmen aktiv unterstützen – etwa durch Sprachförderprogramme oder intensivere Begleitung. Denn Sprache lernt man am besten, wenn man gut im Unternehmen eingebunden ist.

Bessere Rahmenbedingungen für junge Frauen schaffen

BC: Laut AK sind etwa 94 % der Lehrlinge in der Kraftfahrzeugtechnik und 99 % im Maurerberuf männlich. Warum gelingt es uns trotz aller Girls'-Day-Initiativen und Kampagnen noch immer nicht, diese Berufswahl nachhaltig aufzubrechen?

Schober: Wir haben in Österreich noch sehr konservative Geschlechterstereotype, die sich nur langsam verändern. Das wirkt sich stark auf die Berufswahl aus. Gerade in männerdominierten Branchen sind Mädchen häufig unterrepräsentiert, weil die Voraussetzungen in den Betrieben nicht ansprechend genug gestaltet sind. Betriebe müssen bewusst bessere Rahmenbedingungen schaffen, um zugänglicher für junge Frauen zu sein. Gleichzeitig sind auch Schulen und Eltern gefordert, Berufsoptionen offener zu kommunizieren und traditionelle Denkweisen zu hinterfragen. Nur so lassen sich Geschlechtergrenzen in der Berufswahl nachhaltig aufbrechen.

BC: Und es gibt noch eine andere Seite: Wie stellen wir sicher, dass Mädchen in „Männerberufen“ einfach eine gute Ausbildung bekommen und nicht permanent beweisen müssen, dass Frauen diesen Beruf ebenfalls können und nur für die Quote da sind?

Schober: Es ist noch immer Realität, dass Frauen sich im Beruf mehr beweisen müssen als Männer, egal ob Lehrling oder Managerin.  Um Gleichstellung zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen, sind Maßnahmen auf mehreren Ebenen nötig: Betriebe können die internen Strukturen verändern und beispielsweise gezielt Frauen fördern.  Aber auch auf politischer Eben gibt es Handlungsbedarf: der Ausbau von Kinderbildungs- und betreuungsangeboten, die Umsetzung der EU-Lohntransparenzrichtlinie und in manchen Bereichen auch geschlechterbasierte Quoten – damit Gleichstellung zur Normalität wird.

BC: Eltern sind wichtige Multiplikatoren. Wie schaffen wir es gesellschaftlich, Eltern davon zu überzeugen, dass nicht jedes Kind studieren muss und ein erfolgreicher beruflicher Weg auch über eine Lehre führen kann.

Schober: Gezielte Aufklärung ist hier besonders wichtig. Viele Eltern wissen beispielsweise gar nicht, dass die Lehre mit Matura auch ein Studium ermöglicht. Der Bedarf an Fachkräften wächst außerdem stetig und neue Technologien werden auch den Alltag in Lehrberufen verändern. Tätigkeiten wie die von Mechaniker:innen erfordern heute mehr technisches Know-how, da moderne Arbeitsmittel wie Computer ihren Alltag prägen.  Lehrberufe werden auch an Bedeutung gewinnen, weil die KI sie nicht einfach ersetzen kann – etwa Dachdecker:innen oder Pflegekräfte. Genau das müssen wir den Eltern vermitteln, damit sie das volle Potenzial einer Lehrausbildung erkennen und ihre Kinder dabei unterstützen.

BC: Liebe Frau Schober, vielen Dank für das Gespräch und Ihre klaren Worte zur Zukunft der dualen Ausbildung. Wir freuen uns, das Thema beim Lehrlingsforum weiter zu vertiefen

‍

Text Link
Leadership & HR