Leadership Kompass für Lehrlingsverantwortliche: Susanne Vietz im Gespräch
Business Circle: Sehr geehrte Frau Vietz, in unserem letzten Gespräch haben Sie gesagt, dass Lernen nicht mit dem Abschluss der Lehrlings-Ausbildung endet. Bemerken Sie Ansätze eines Kulturwandels in Richtung lebenslanges Lernen?
Susanne Vietz: Ja, den nehme ich wahr.
Vor allem, weil Unternehmen viel stärker beginnen, Entwicklung über die fachliche Qualifikation hinaus zu denken. Es wird mehr in Persönlichkeitsentwicklung, Führung und soziale Kompetenzen investiert und zwar nicht erst dann, wenn jemand eine Führungsposition übernimmt.
Gleichzeitig glaube ich, dass wir noch lernen müssen, Weiterbildung nicht immer nur mit einem Seminar oder Zertifikat gleichzusetzen.
Vieles passiert im täglichen Tun, durch Feedback, neue Aufgaben oder auch Fehler.
Für mich ist genau das der Kulturwandel: Entwicklung hört nicht mit einem Abschluss auf, sondern wird immer mehr als Teil des Berufslebens verstanden.
BC: Beim Lehrlingsforum setzen Sie 2026 bewusst auf ein interaktives World-Café-Format statt auf einen klassischen Vortrag. Warum ist gerade bei Leadership und Ausbildung der gemeinsame Austausch wirksamer als die Vermittlung fertiger Methoden im PowerPoint-Frontalvortrag?
Vietz: Ausbildung findet nicht auf einer PowerPoint-Folie statt, sondern jeden Tag zwischen Menschen.
Natürlich kann ich vorne stehen und zehn Methoden präsentieren. Aber die entscheidende Frage ist doch: Was davon funktioniert am Montagmorgen tatsächlich in meinem Betrieb? Genau deshalb ist mir der Austausch so wichtig.
Wenn Ausbilder:innen und Verantwortliche miteinander ins Gespräch kommen, merken sie sehr schnell: Viele Herausforderungen, die ich für ein Problem in meinem Betrieb gehalten habe, gibt es anderswo genauso. Gleichzeitig entstehen Lösungen, auf die ich alleine vielleicht gar nicht gekommen wäre. Gerade bei Leadership gibt es selten die eine Methode, die immer funktioniert. Menschen sind unterschiedlich, Situationen sind unterschiedlich und auch Lehrlinge brauchen Unterschiedliches. Deshalb möchte ich weg von „Hier sind fünf Tipps, wie Führung funktioniert“ und stärker hin zu: Was braucht es in welcher Situation und welche Haltung steckt dahinter?
Ich möchte beim Lehrlingsforum also nicht nur Wissen vermitteln, sondern vorhandenes Wissen im Raum sichtbar und nutzbar machen.
BC: Sie wollen am Ende einen „Leadership Kompass 2026“ entwickeln. Was soll dieser Kompass leisten: Orientierung geben, konkrete Handlungsempfehlungen liefern oder zeigen, wo die Lehrlingsausbildung derzeit strukturelle Defizite hat?
Vietz: Vor allem soll er Orientierung geben. Ich sage sehr gerne: Sei ein Kompass, keine Karte. Eine Karte gibt einen ganz konkreten Weg vor. Ein Kompass hilft mir dagegen, auch dann die Richtung zu finden, wenn sich der Weg verändert. Genau das brauchen wir meiner Meinung nach auch in der Lehrlingsausbildung. Wir können nicht für jede Situation einen Leitfaden schreiben. Dafür arbeiten wir zu sehr mit Menschen.
Der Leadership Kompass soll deshalb sichtbar machen: Was brauchen Lehrlinge heute von Führung und Ausbildung? Was brauchen Ausbilder:innen, um das leisten zu können? Wo funktionieren Dinge bereits richtig gut und wo müssen wir vielleicht neu denken? Wenn daraus konkrete Handlungsideen entstehen: umso besser. Aber mir ist wichtig, dass es keine weitere Checkliste wird, die anschließend in irgendeiner Schublade verschwindet.
BC: Und welche Tipps haben Sie an das Publikum, damit die erarbeiteten Ideen auch nach der Konferenz in der betrieblichen Praxis ankommen?
Vietz: Nicht mit zehn Maßnahmen nach Hause fahren. Eine reicht fürs Erste.
Ich erlebe in Workshops immer wieder, dass Menschen hochmotiviert hinausgehen und am liebsten ab morgen alles verändern möchten und zwei Wochen später hat der Alltag gewonnen.
Deshalb würde ich mir eine Sache aussuchen und sehr konkret werden: Was mache ich ab morgen anders? Mit wem muss ich darüber sprechen? Woran merke ich in vier Wochen, dass sich tatsächlich etwas verändert hat?
Und dann: ausprobieren.
Ich bin davon überzeugt, wir dürfen in der Ausbildung ein bisschen weg von dem Anspruch, sofort die perfekte Lösung zu haben.
BC: Weil es gerade in aller Munde ist: Besteht nicht die Gefahr, dass KI gerade bei jungen Menschen Eigeninitiative und Problemlösungskompetenz schwächt, wenn sie zu früh für jede Aufgabe die scheinbar passende Antwort liefert?
Vietz: Ja - aber ich würde das gar nicht nur auf junge Menschen schieben.
Wie oft greifen wir Erwachsenen mittlerweile zum Handy oder fragen KI, bevor wir selbst länger über etwas nachdenken? Natürlich besteht die Gefahr, dass wir uns das Denken ein Stück weit abnehmen lassen. Gerade bei jungen Menschen, die viele Kompetenzen erst entwickeln, müssen wir da genau hinschauen. Aber KI zu verbieten oder schlechtzureden, halte ich für den falschen Weg. Sie ist da und sie wird bleiben! Für mich geht es deshalb vielmehr darum, jungen Menschen beizubringen, wie sie KI verwenden.
Mein Grundsatz wäre ganz einfach: Erst Hirn, dann KI.
Denk einmal selbst nach. Was weißt du schon? Wie würdest du das Problem lösen? Was wäre deine Idee? Und dann nutz KI. Lass dir eine andere Perspektive geben, hinterfrage deine Lösung, entwickle sie weiter. Problematisch wird es für mich dann, wenn ich eine Antwort bekomme, sie kopiere und eigentlich überhaupt nicht verstanden habe, was da steht. Denn eine gute Antwort zu haben bedeutet noch lange nicht, etwas gelernt zu haben.
BC: Daran anschließend: Wer trägt die Verantwortung für einen zielführenden Umgang mit künstlicher Intelligenz? Schule, Ausbildungsbetrieb, Staat oder letztlich die jungen Leute selbst?
Vietz: Alle!
Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen einfach, zu sagen: „Die Jungen müssen halt lernen, richtig damit umzugehen.“ Woher denn? Wir sprechen teilweise von 15- oder 16-Jährigen. Natürlich sollen sie lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Aber genau das ist ja Entwicklung. Verantwortung entsteht nicht dadurch, dass ich einem jungen Menschen sage: „So, jetzt bist du selbst verantwortlich.“ Wir Erwachsenen müssen Orientierung geben. Das betrifft Schule genauso wie Ausbildungsbetriebe und natürlich auch entsprechende Rahmenbedingungen. Im Betrieb würde ich mir wünschen, dass wir nicht nur darüber diskutieren, ob KI erlaubt oder verboten ist. Viel spannender wäre doch: Wann hilft sie mir? Wann nimmt sie mir etwas ab, das ich eigentlich selbst lernen sollte? Wie überprüfe ich eine Antwort? Und woran erkenne ich überhaupt, ob das, was mir KI ausspuckt, richtig ist?Ich glaube, genau diese Gespräche müssen wir führen.
BC: Etwas allgemeiner, wenn wir auf die Optimierung der Lehre schauen: Stellen Sie sich vor, Sie dürften an einer Stelle ansetzen. Wo liegt aktuell der größte Hebel für die Lehre in Österreich, bei den Ausbildern, bei den Unternehmen, bei den Schulen oder bei den politischen Rahmenbedingungen?
Vietz: Wenn ich mir eine Stelle aussuchen müsste, würde ich bei den Menschen ansetzen, die Lehrlinge tagtäglich begleiten.
Nicht, weil Ausbilder:innen derzeit einen schlechten Job machen - ganz im Gegenteil. Sondern weil ihre Rolle meiner Meinung nach massiv unterschätzt wird. Wir erwarten von ihnen, dass sie fachliches Wissen vermitteln, motivieren, Konflikte lösen, Feedback geben, Grenzen setzen, unterschiedliche Generationen verstehen, mit Eltern umgehen, psychische Belastungen erkennen, Orientierung geben und nebenbei natürlich noch ihren eigentlichen Job machen. Das Berufsbild „Ausbilder:in“ hat sich enorm verändert. Die Rahmenbedingungen und die Vorbereitung auf diese Rolle haben aber nicht überall im gleichen Tempo mitgezogen. Deshalb wäre mein Ansatz: Wir müssen diejenigen stärken, die junge Menschen stärken sollen. Dazu gehören für mich gute Qualifizierung, Zeit für Ausbildung, Rückhalt durch Führungskräfte und Unternehmen und ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Lehrlingsausbildung nicht „nebenbei“ passiert. Denn wir sprechen sehr viel darüber, was Lehrlinge heute alles nicht können oder noch lernen müssen. Ich würde die Frage gerne einmal umdrehen: Was brauchen eigentlich die Menschen, die sie ausbilden sollen?
Denn wenn wir Ausbilder:innen stärken, können sie wiederum junge Menschen stärken.
BC: Liebe Frau Vietz, Danke für das tolle Gespräch und Danke, dass Sie nun schon so lange das Lehrlingsforum begleiten. Wir freuen uns auf die nächste Auflage im November.

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