Stay Relevant 2030. Interview mit Stefanie Thuiner über die Zukunft der Rechtsbranche
Business Circle: Sehr geehrte Frau Mag. Thuiner, in unserem letzten Gespräch haben Sie das Spannungsfeld zwischen juristischer und unternehmerischer Entscheidungsfindung beschrieben. Was denken Sie, lernen beide Seiten gerade besser miteinander zu arbeiten?
Stefanie Thuiner: Ich habe vor rund einem Jahr mein eigenes Unternehmen, die Legal Counsel Academy, gegründet und seitdem hat sich meine Sicht auf unternehmerische Entscheidungen noch einmal grundlegend verändert. Ich dachte schon zuvor, dass ich als Inhouse-Juristin wirtschaftliche Entscheidungen gut begleiten kann. Als Gründerin habe ich aber gelernt, was es wirklich bedeutet, Verantwortung für ein Unternehmen zu tragen. Genau deshalb bin ich überzeugt: Die Rechtsabteilung der Zukunft ist kein Business Partner mehr, sondern ein Business Accelerator, der reale Chancen ermöglicht und nicht nur Risiken antizipativ bewertet.
BC: Eines Ihrer Themen ist „Stay Relevant 2030“. Braucht die Wirtschaft im Jahr 2030 überhaupt noch Juristinnen oder erledigt KI den Großteil der klassischen Rechtsarbeit?
Thuiner: Die eigentliche Frage ist nicht, ob Juristen und Juristinnen gebraucht werden, sondern welche. KI stellt heute schon in Sekunden rechtliche Informationen bereit, analysiert Verträge und erklärt komplexe Klauseln und sie wird täglich besser. Aus meiner Sicht gibt es nicht die eine Zukunft der Rechtsbranche, sondern viele mögliche Szenarien: von der schlanken, KI-gestützten Rechtsabteilung über neue Kanzleimodelle, die Produkte mit Pauschalen und nicht mehr die Einzelberatung mit Stundenabrechnung in den Fokus setzen. Wahrscheinlich werden wir viele dieser Entwicklungen gleichzeitig erleben – abhängig von Branche, Unternehmensgröße und Risikoprofil.
BC: Wo stößt künstliche Intelligenz aus Ihrer Sicht an ihre Grenzen? Welche Entscheidungen werden auch 2030 noch zwingend menschliches Urteilsvermögen erfordern?
Thuiner: Wir erleben gerade, dass sich die Grenzen von KI beinahe täglich verschieben. Was gestern noch unmöglich war, ist heute oft schon Standard. Deshalb wird Ambiguitätsstabilität zu einer der wichtigsten Fähigkeiten: Wir müssen lernen, erfolgreich zu arbeiten, in der sich Regeln und Möglichkeiten permanent verändern. Gleichzeitig wird Ethik an Bedeutung gewinnen. Die verpflichtende Ethik-Schulung für die Anwendbarkeit des Inhouse-Berufsgeheimnisses in Frankreich zeigt, dass Verantwortung und Integrität künftig noch stärker zum Berufsbild gehören werden.
BC: Der Begriff „Purpose“ hört sich toll an. Aber wie gelingt im juristischen Alltag der Spagat zwischen Sinnstiftung, Leistungsdruck und wirtschaftlichen Erwartungen?
Thuiner: Die ausführliche Antwort gibt es in meinem Workshop bei der RuSt NEXTGen. (lacht) Aber im Ernst: Für mich wäre ein Berufsleben ohne Purpose kaum vorstellbar. Gerade in einem anspruchsvollen Umfeld braucht es das Gefühl, mit der eigenen Arbeit einen Beitrag zu leisten. Sinnstiftung und wirtschaftlicher Erfolg schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Wer Mehrwert im Unternehmen schafft, erlebt beides gleichzeitig.
Ein gutes Antizipationsradar entwickeln
BC: Globale Krisen, geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheit prägen zunehmend die Unternehmenswelt. Ist die Welt auch in Mitteleuropa unsicherer geworden und welchen Einfluß hat das auf die Rolle von Juristinnen als Berater und Entscheider?
Thuiner: Ja, die Unsicherheit hat spürbar zugenommen, sowohl regulatorisch, wirtschaftlich als auch geopolitisch. Umso wichtiger wird für Jurist:innen ein gutes Antizipationsradar: die Fähigkeit, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und ihre Auswirkungen auf das Unternehmen einzuschätzen. Das gelingt nicht allein durch Gesetzestexte, sondern vor allem durch ein starkes Netzwerk und den Austausch mit Expert:innen aus unterschiedlichen Disziplinen. Aus diesem Grund bin ich auch seit letztem Jahr Teil des Vorstandsteams der Vereinigung für Unternehmensjurist:innen.
BC: Wenn Sie einer Jus-Studentin oder einem Konzipienten nur einen einzigen Rat für die Karriere bis 2030 mitgeben dürften, welcher wäre das?
Thuiner: Die harte Wahrheit ist: Die juristische Arbeit wird in zehn Jahren nicht mehr dieselbe sein wie heute. Wer Jus studiert, weil er davon ausgeht, später genauso zu arbeiten wie die Generationen davor, sollte sich diese Entscheidung gut überlegen. Gleichzeitig war es noch nie so spannend, Jurist:in zu sein.
BC: Und zum Abschluss: Worauf dürfen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der RuSt NEXTGen bei Ihrem Vortrag besonders freuen? Und worauf freuen Sie sich am meisten?
Thuiner: Ich freue mich darauf, sowohl in meinem Impulsvortrag als auch im Workshop genau über diese Zukunftsfragen zu diskutieren. Wir können zwar nicht in die Glaskugel schauen, aber wir können sehr gut analysieren, welche Entwicklungen bereits heute sichtbar sind und welche Metaskills Jurist:innen zumindest bis 2030 brauchen werden, um relevant zu bleiben. Besonders freue ich mich auch auf kritische Fragen aus dem Publikum. Denn sie ermöglichen oft die spannendsten Diskussionen.
BC: Sehr geehrte Frau Mag. Thuiner, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen (und uns) eine inspirierende RuSt NEXTGen und freuen uns auf spannende Diskussionen darüber, wie wir relevant, wirksam und zukunftsfähig bleiben.

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