Wenn Lernen zum Erlebnis wird: Serious Games in der Lehrlingsausbildung
Die Arbeitswelt braucht mehr als Fachwissen
Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Neben fachlichem Können gewinnen Kompetenzen wie Zusammenarbeit, systemisches Denken, Eigenverantwortung und der konstruktive Umgang mit Unsicherheit zunehmend an Bedeutung. Für die Lehrlingsausbildung stellt sich deshalb eine zentrale Frage: Wie lassen sich solche überfachlichen, im Bundesausbildungsgesetz (BAG) verankerten Zukunftskompetenzen wirksam entwickeln?
Eine vielversprechende Antwort liefern Serious Games und andere erfahrungsorientierte Lernformate. Sie ermöglichen Lernen nicht durch klassische Lehrvorträge, sondern durch eigenes Handeln – und machen komplexe Zusammenhänge unmittelbar erlebbar. Ein Beispiel dafür ist das von der Wirtschaftskammer Österreich zur Förderung genehmigte Programm „Lehrlinge gestalten Zukunft“, das auf dem wissenschaftlich entwickelten Weltklimaspiel der Weitblick GmbH basiert.
Im appbasierten Brettplanspiel übernehmen Lehrlinge Rollen von Entscheidungsträger:innen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Sie treffen Entscheidungen, erleben deren Auswirkungen unmittelbar und erfahren, wie eng globale Entwicklungen – von Ressourcenknappheit über globale Lieferketten und demokratiepolitische Herausforderungen - miteinander verknüpft sind. Dabei trainieren sie scheinbar nebenbei Fähigkeiten wie Problemlösung unter Zeitdruck, Teamkommunikation, verantwortungsbewusstes Handeln und den konstruktiven Umgang mit Komplexität.
Lernen durch Erleben statt durch Zuhören
Lernpsychologisch ist dieser Ansatz gut begründet. Menschen lernen nachhaltiger, wenn sie Inhalte nicht nur vermittelt bekommen, sondern selbst erleben, Entscheidungen treffen, mögliche Lösungsansätze ausprobieren und deren Folgen reflektieren. Serious Games schaffen genau diesen Raum: Wissen entsteht nicht isoliert, sondern eingebettet in konkrete Handlungssituationen.
Lehrlinge wünschen sich Lernformate, die sie aktiv einbinden. Die Rückmeldungen aus dem ersten betriebsübergreifenden Spiel im Juni 2026 in Wien zeigen, wie dieser Ansatz erlebt wird.
„Ich würde dieses Spiel gerne noch einmal spielen. Es ist viel besser als andere Vorträge, weil man selbst gestalten kann.“ (Lehrling)
Viele Teilnehmende berichteten, dass sie während des Spiels gar nicht bemerkten, wie viel Wissen sie sich aneigneten. Nicht nur die Lehrlinge waren überrascht – auch erfahrene Ausbilder:innen gewannen neue Perspektiven.
„Mich hat überrascht, wie viel Wissen vermittelt wurde. Ich dachte zuerst, wir spielen einfach nur ein Spiel. Aber es waren viele kleine Details dabei, deren Hintergrund und Logik ich noch nicht kannte. Die Wissensvermittlung war sehr objektiv und hat nicht versucht, jemanden in eine bestimmte Richtung zu lenken. Genau das hat mir gefallen.“ (Lehrlingsausbilderin)
Wirkung entsteht nicht trotz, sondern gerade wegen der Komplexität
Warum funktionieren solche Lernformate? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die aktuelle Studie „Experience-based Complexity Processing in Serious Games“, die von Rouven Kaiser (Universität Augsburg) und Matthias Mittelberger (Weitblick GmbH) verfasst und auf der ISAGA-Spiele-Konferenz 2026 in Stockholm vorgestellt wurde.
Die zentrale Erkenntnis lautet: Die Wirkung entsteht nicht trotz, sondern gerade wegen der Komplexität. Anstatt globale Herausforderungen zu vereinfachen, erleben die Teilnehmenden Zielkonflikte, Unsicherheiten und gegenseitige Abhängigkeiten unmittelbar. Genau dadurch entwickeln sie systemisches Denken, übernehmen Verantwortung und stärken ihre Fähigkeit, gemeinsam handlungsfähig zu bleiben.
„Die Krisen und die Herausforderungen unserer Zeit sind komplex – und genau diese Komplexität müssen wir erleben, um sie verstehen zu können.“ (Matthias Mittelberger, Spielleiter)
Die Studie beschreibt dabei einen vierstufigen Lernprozess: Die Teilnehmenden nehmen zunächst komplexe Zusammenhänge wahr, setzen sich emotional mit ihnen auseinander, entwickeln eine eigene Haltung und gelangen schließlich zu verantwortungsvollem Handeln. Erst das Zusammenspiel dieser Schritte führt zu erlebter Selbstwirksamkeit und nachhaltiger Handlungsfähigkeit.
Zukunftskompetenzen entstehen durch Erfahrung
Die Erfahrungen aus den bisherigen Durchführungen zeigen, dass Lehrlinge durch diesen Lernprozess nicht nur Wissen erwerben, sondern insbesondere Kompetenzen stärken, die Unternehmen zunehmend nachfragen und die manchmal als “Lebenskompetenzen” beschrieben werden:
• systemisches Denken
• selbstorganisiertes und lösungsorientiertes Arbeiten
• Kommunikation und Zusammenarbeit
• verantwortungsbewusstes Entscheiden
• Umgang mit Unsicherheit und Veränderung
• Reflexionsfähigkeit und Eigeninitiative
Gerade weil es im Spiel keine einfachen Antworten gibt, lernen die Teilnehmenden, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, Zielkonflikte auszuhalten und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln – Fähigkeiten, die weit über Nachhaltigkeitsthemen hinaus für die Arbeitswelt von morgen relevant sind.
Erste Erfahrungen aus der Praxis
Unternehmen unterschiedlichster Branchen sammeln bereits Erfahrungen mit diesem Ansatz, darunter Blum, OMV, TÜV Austria, ÖBB, Wiener Linien sowie das Berufspädagogische Institut der ÖJAB, das in der überbetrieblichen Lehrlingsausbildung aktiv ist.
Dominikus Moratti, Ausbildungsmeister für Prozesstechnik und Betriebslogistik bei Julius Blum GmbH, beschreibt den Mehrwert aus Sicht der Praxis: „Mit dem Spiel stärken wir die Kompetenzen und das Bewusstsein der Lehrlinge für globale Zusammenhänge und fördern nachhaltiges Handeln für die Zukunft.“
Zukunft lernen heißt Zukunft erleben
Die ersten Erfahrungen zeigen: Zukunftskompetenzen entstehen nicht allein durch Wissensvermittlung. Sie entwickeln sich dort, wo junge Menschen Verantwortung übernehmen, gemeinsam Entscheidungen treffen und deren Auswirkungen unmittelbar erleben.
Serious Games bieten dafür einen vielversprechenden Ansatz. Das Programm „Lehrlinge gestalten Zukunft“ zeigt exemplarisch, wie erfahrungsorientiertes Lernen in der betrieblichen Lehrlingsausbildung gelingen kann – und wie aus einem Spiel ein nachhaltiger Lernprozess wird.
Mehr dazu beim Lehrlingsforum, wo Doris Pusch das Konzept noch näher vorstellen wird.

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