Eltern als Partner in der Lehrlingsausbildung? Lukas Steidl von Gebrüder Weiss im Praxistalk
Business Circle: Sehr geehrter Herr Steidl, Sie leiten die Lehrlingsausbildung bei Gebrüder Weiss am Standort Wels und setzen sich besonders für die Förderung von Lehrlingen ein. Möchten Sie uns eingangs kurz skizzieren, wie Sie Ihr Weg hierher geführt hat und warum es für Sie gerade die Lehrlingsförderung sein sollte?
Lukas Steidl: Ich habe 2004 selbst meine Lehre bei Gebrüder Weiss gestartet und bin seit 22 Jahren in diesem Unternehmen. Nachdem ich einiges schon sehen durfte, u.a. auch 1 Jahr Auslandserfahrung und mit 23 Jahren schon erste Gruppenleiter-Erfahrung sammeln durfte, will ich diese Erfahrung jetzt an junge Kollegen weitergeben und die Lehrlinge dabei unterstützen. Seit 6 Jahren bin ich nun bei uns am Standort für die Ausbildung zuständig. Allgemein ist mir die Begleitung und Unterstützung von jungen Menschen sehr wichtig, da ich auch im eigenen Fußballverein seit 15 Jahren Nachwuchstrainer bin und früher auch im ortsansässigen Musikverein für die Jungmusiker zuständig war. Ich sehe es wirklich nicht mehr als Beruf, sondern eher als Berufung, junge Leute in ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten und unterstützen.
BC: „Eltern als Partner“ klingt zunächst sehr positiv. Aber was tun bei Helikopter-Eltern, die sehr präsent sind, ständig nachfragen, Entscheidungen kritisieren oder bei Konflikten sofort anrufen oder persönlich intervenieren?
Steidl: Wir hatten eigentlich immer sehr wenig Kontakt zu Eltern, was ja grundsätzlich nicht schlecht ist. Aber die Entwicklung in den letzten Jahren hat es gezeigt, dass es immer wichtiger ist, die Eltern miteinzubinden. Daher haben wir bei uns ein jährliches Elterngespräch eingeführt, wobei es aber nicht um die fachliche Ausbildung der Lehrlinge geht, sondern um die persönliche Entwicklung der Jugendlichen. In den 3 Lehrjahren lernen die Lehrlinge nicht nur fachlich im Unternehmen und in der Berufsschule dazu, sondern vor allem auch im privaten Bereich machen sie eine enorme Entwicklung durch und dabei steht die Person für uns immer im Vordergrund. Auch beim Thema Krankenstand wird das von uns nicht immer gleich negativ gesehen, sondern viele Beispiele haben uns schon gezeigt, dass im 1. und 2. Lehrjahr die Krankentage immer mehr werden, aber ab Ende 2. Lehrjahr bzw. 3. Lehrjahr bei den meisten die Krankentage um ein vielfaches weniger werden. Vor allem wenn man offen darüber spricht, Ursache und Hintergründe offen gemeinsam mit dem Lehrling bespricht und gegebenenfalls auch Unterstützung anbietet. Und das hat oft persönliche Hintergründe, die wir nicht in Frage stellen wollen, sondern verstehen wollen und eben oft gemeinsam mit den Eltern auch besprechen und somit verbessern wollen.
Der Kontakt mit Eltern während dem Jahr ist trotzdem sehr gering und nur in Ausnahmefällen häufiger, dabei wird aber schon auch immer darauf hingewiesen, dass die Lehrlinge unsere Ansprechpersonen sind und nicht die Eltern, aber die Eltern gerne bei Gesprächen dabei sein dürfen/können/sollen. Hauptredner sollen dabei aber dennoch die Lehrlinge sein und nicht die Eltern.
BC: Junge Lehrlinge brauchen Unterstützung, sollen aber gleichzeitig lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Wie verhindert man, dass eine gut gemeinte Elternarbeit genau diese beginnende Selbstständigkeit untergräbt?
Steidl: Im 1. Lehrjahr haben wir schon immer wieder Themen, dass es relativ lange dauert, bis die Selbstständigkeit und vor allem die Selbstverantwortung in den Fokus der Lehrlinge kommt. Im Laufe der Zeit lernen die Lehrlinge in unseren Abteilungen aber schon sehr schnell, dass die Eltern nicht immer helfen können und ab Beginn der Lehrzeit eigentlich die Lehrlinge zu jungen Erwachsenen werden, die immer mehr Selbstverantwortung lernen müssen, wo man Fehler auch ausbaden muss. Das geht in unseren Abteilungen zum Glück relativ gut.
BC: Sie wollen Eltern professionell einbinden. Wie sieht das konkret aus? Gibt es bei Ihnen bestimmte Formate, etwa Elternabende, Gespräche zum Lehrstart oder regelmäßige Informationsangebote? Was hat sich dabei praktisch bewährt und was weniger?
Steidl: Der Bewerbungsprozess ist grundsätzlich ohne Eltern. Bei einer Zusage werden die Eltern vor Beginn der Lehre zur Lehrvertragsunterzeichnung eingeladen (auch bei volljährigen Lehrlingen wird das angeboten, wenn es die Lehrlinge wollen) und dabei wird den Eltern das Unternehmen vorgestellt, teilweise auch mit einer kleinen Führung. Mit Erfolgsgeschichten von Mitarbeitern, die früher selbst Lehrlinge waren, haben die Eltern zum Glück relativ schnell ein gutes Bild vom Unternehmen und auch von mir als Ausbildungsleiter, wo sie auch schnell merken, dass die Entwicklung des Lehrlings im Forderung steht, persönlich wie auch fachlich. Danach gibt es das jährliche Elterngespräch ohne Lehrlinge, wobei nach dem Gespräch der Lehrling bei Bedarf und Wunsch gerne noch dazu kommen kann. Dieser jährliche Austausch kommt bei den Eltern sehr gut an, da es die Eltern natürlich auch glücklich macht, wie wir als Unternehmen die Entwicklung während der Lehrzeit wahrnehmen, fördern und unterstützen.
Die Lehre ist auf keinen Fall nur ein Plan B
BC: Ein großes Problem der Lehre ist nach wie vor ihr Image. Viele Eltern sehen die AHS oder ein Studium als vermeintlich „besseren“ Bildungsweg. Wie überzeugt man Eltern davon, dass eine Lehre kein Plan B ist, sondern eine eigenständige und attraktive Karriereentscheidung?
Steidl: Wir haben mit unseren Erfolgsgeschichten im Unternehmen wirklich viele Parade-Beispiele, die bei den Eltern dann auch oft sehr positiv wahrgenommen werden. Dabei nehmen die Eltern wahr, dass die Lehre keineswegs nur ein Plan B ist, sondern knapp 75% unserer Führungskräfte aus eigener Ausbildung kommen. Dies versuchen wir möglichst oft, egal ob bei Messen oder anderen Öffentlichkeits-Auftritten, Schulbesuchen oder auch beim Bewerbungsprozess zu vermitteln. Bei Bedarf (sehr selten) werden die Eltern dann nach dem ersten Bewerbungsgespräch mit dem Lehrlings-Bewerber, gerne noch zu einem 2. Termin gemeinsam mit dem Bewerber eingeladen, wo wir dann auch durch Praxisbeispiele den Wert der Lehre aufzeigen und den Eltern vermitteln, dass die Lehre auf keinen Fall ein Plan B ist.
BC: Und wie weit kann ein Unternehmen diese gesellschaftliche Aufgabe überhaupt übernehmen? Ist es Aufgabe der Lehrbetriebe, Eltern davon zu überzeugen, dass nicht jedes Kind Akademiker werden muss oder braucht es hier viel stärker Schulen und Politik?
Steidl: Das ist meiner Meinung nach klar Aufgabe von Politik und Schulen. Denn wir können das nicht alleine machen, wenn viele Kinder schon gar nicht zu uns kommen, da sie von den Eltern zu einer höheren Schule gedrängt werden. Erst wenn die Noten in höheren Schulen schlecht werden, dann ist plötzlich die Lehre gut genug und deshalb sieht es oft wie ein Plan B aus. Leider aber nur, weil die Eltern nicht wahrhaben wollen, dass eine Lehre auch ein Plan A sein kann. Das gehört in Schulen an Elternabenden noch viel mehr in den Fokus z.B. in Form von verpflichtenden Schulmessen für 3. + 4. Klasse, für Schüler + Eltern. Wobei wir in unserer Branche noch viel mehr das Thema haben, dass den Lehrberuf kaum jemand kennt und da gehört die Politik dazu, die Auswahl an Berufen „kleiner“ zu machen. Da gibt es bei einigen Berufen – vor allem in unserem Bereich – sicherlich Möglichkeiten, um Lehrberufe bekannter zu machen.
BC: Zum Abschluss: Wenn Sie sich eine Sache von Eltern wünschen dürften, damit Lehrlinge besser durch ihre Ausbildung kommen, was wäre das?
Steidl: Die Kinder schon früher gezielt eigenständiger werden zu lassen (Arzttermine, Friseurtermine, oder sonstiges selbst vereinbaren – oder am Handy weniger schreiben mit den Kindern, sondern telefonieren/kommunizieren) und vor allem die Kinder im jungen Alter bei Vereinen mitmachen lassen und weniger Zeit am Handy oder Computer verbringen lassen. Egal ob Sport, Tanzen, Feuerwehr, Musik, Pfandfinder, Jungschar oder sonstigen Vereinen – es gibt fast für alle etwas Passendes.
Je früher der regelmäßige Kontakt zu anderen „echten“ Menschen gelernt wird, desto weniger Zeit vergeuden wir in der Ausbildung.
BC: Sehr geehrter Herr Steidl, vielen Dank für dieses fundierte und praxisnahe Gespräch. Wir freuen uns sehr darauf, beim Lehrlingsforum noch mehr von Ihnen zu hören.

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