„Gute Ausbildung beginnt mit guten Ausbilder:innen“: Alexandra Müllner über die Zukunft der Lehre
Business Circle: Sehr geehrte Frau Müllner, Sie leiten die Personalentwicklung bei Deichmann und setzen sich besonders für die Förderung von Lehrlingen ein. Möchten Sie uns eingangs kurz skizzieren, wie Sie Ihr Weg hierher geführt hat und warum es für Sie gerade der Bereich Personalentwicklung und Lehrlingsförderung sein sollte?
Alexandra Müllner: Ich arbeite seit vielen Jahren in HR und habe dabei unterschiedliche Facetten der Personalarbeit kennengelernt. Ob als Trainerin oder Lehrlingsbeauftragte - besonders begeistert hat mich immer der Gedanke, Potenziale sichtbar zu machen und Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Genau deshalb bin ich in der Personalentwicklung genau richtig.
Die Arbeit mit Lehrlingen liegt mir besonders am Herzen, weil wir hier Jugendliche in einer sehr prägenden Lebensphase begleiten dürfen. Wenn wir jungen Menschen einen gelungenen Start ins Berufsleben ermöglichen, beeinflussen wir oft viel mehr als nur die berufliche Entwicklung. Wir vermitteln Selbstvertrauen, Verantwortung und Perspektiven. Genau das macht die Lehrausbildung für mich so spannend und sinnstiftend.
BC: Sie haben vor 10 Jahren einen der allerersten Beiträge in unserem damals nagelneuen Business Blog geschrieben. Es ging damals um digitales Arbeitgebermarketing für die Generation Y. Wie blicken Sie heute darauf zurück?
Müllner: Das zeigt sehr schön, wie schnell sich die Welt in den letzten 10 Jahren verändert hat. Obwohl die Grundfrage heute dieselbe ist wie damals: Wie erreichen wir junge Menschen und wie machen wir uns als Arbeitgeber sichtbar? Die Kanäle haben sich jedoch verändert.
Damals spielte Facebook eine große Rolle, heute sind Plattformen wie Instagram oder TikTok relevant. Gleichzeitig hat sich die Kommunikation insgesamt beschleunigt. Jugendliche erwarten oft schnelle, unkomplizierte und authentische Kommunikation.
Was sich auch nicht verändert hat: Kein Kanal ersetzt den persönlichen Eindruck. Social Media kann Interesse wecken, aber ob sich jemand für eine Lehre entscheidet und langfristig bleibt, entscheidet sich meist durch die Menschen, denen die Jugendlichen im Unternehmen begegnen. Daher setzen wir auf den persönlichen Kontakt über Schulbesuche und das Angebot in den Stores zu Schnuppern.
BC: Deichmann setzt auf eine eigene Ausbilder:innen-Akademie. Was sollte ein Ausbilder tatsächlich lernen, was viele in der Form nicht auf dem Schirm haben?
Müllner: Viele denken bei Ausbildung zuerst an Fachwissen. Das ist selbstverständlich wichtig, aber bei weitem nicht alles.
Ausbilder:innen sind heute weit mehr als Wissensvermittler:innen. Sie sind Bezugspersonen, Lernbegleiter:innen, Vorbilder und oft auch erste Ansprechpartner:innen für persönliche Fragen und Herausforderungen. Deshalb beschäftigen wir uns in unserer Ausbilder:innen-Akademie nicht nur mit rechtlichen oder fachlichen Themen, sondern tauschen uns auch über persönliche Erfahrungen, richtig Feedback geben und motivieren sowie dem Umgang mit unterschiedlichen Persönlichkeiten aus.
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Gute Ausbildung entsteht in der Beziehung zwischen Menschen.
BC: Ausbilder:innen sollen heute gleichzeitig Fachwissen vermitteln, coachen, motivieren, Feedback geben und junge Menschen individuell fördern. Nach welchen Kriterien sind da am besten Prioritäten zu setzen?
Müllner: Aus meiner Sicht beginnt alles mit der Beziehung. Fachwissen kann man vermitteln, Prozesse kann man erklären. Damit Lernen nachhaltig gelingt, braucht es aber Vertrauen und eine gute Zusammenarbeit.
Deshalb schaffen wir für unsere Ausbilder:innen den Rahmen für Orientierung und Sicherheit in der Lehrausbildung. Wenn Jugendliche wissen, was von ihnen erwartet wird, regelmäßig ehrliches Feedback erhalten und ein guter Austausch besteht, entsteht ein solides Fundament für Leistungsentwicklung und persönliche Förderung.
BC: Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sind Ausbildungskooperationen. Wo entstehen dabei in der Praxis die größten Reibungsverluste?
Müllner: Im Grunde verfolgen alle Beteiligten dasselbe Ziel: Wir möchten junge Menschen bestmöglich auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten.
Herausfordernd wird es dort, wo Erwartungen nicht ausreichend abgestimmt sind. Unternehmen denken oft sehr praxisorientiert, Berufsschulen setzen naturgemäß andere Schwerpunkte und externe Partner bringen wieder eine andere Perspektive ein.
Die größte Herausforderung ist deshalb nicht die Zusammenarbeit an sich, sondern die Abstimmung. Je klarer Rollen, Erwartungen und Kommunikationswege definiert sind, desto erfolgreicher funktionieren Ausbildungskooperationen.
Unterstützung, Wertschätzung und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen Bindung
BC: Na klar: Geld ist wichtig, aber nicht der einzige Faktor. Was sind in Ihrer Erfahrung die Erlebnisse, durch die Lehrlinge sich tatsächlich entscheiden: „Hier möchte ich bleiben“?
Müllner: Die entscheidenden Momente sind individuell, aber oft von den Menschen geprägt, die sich tagtäglich in der Lehrausbildung engagieren. Es sind Ausbilder:innen, die sich Zeit nehmen und zuhören. Kolleg:innen, die ihre Unterstützung anbieten. Oder die Erfahrung, dass man Verantwortung übernehmen darf und einem etwas zugetraut wird.
Junge Menschen möchten gesehen werden und spüren, dass sie einen Beitrag leisten können. Wenn sie sich wertgeschätzt fühlen, Entwicklungsmöglichkeiten erkennen und Teil eines Teams werden, entsteht echte Bindung. Das ist oft wichtiger als jede Benefits-Liste.
BC: Zum Schluss etwas Persönliches: Sie kennen das Lehrlingsforum nun schon aus eigener Erfahrung. Was gefällt Ihnen daran besonders?
Müllner: Mich begeistert vor allem die Vielfalt der Perspektiven. Man trifft Menschen aus unterschiedlichen Branchen, die oft vor sehr ähnlichen Herausforderungen stehen.
Dadurch entsteht ein ehrlicher Austausch über erfolgreiche Ansätze, aber auch über Themen, die noch nicht perfekt funktionieren. Genau daraus lassen sich häufig wertvollste Ideen generieren.
Für mich ist das Lehrlingsforum deshalb weit mehr als eine Fachveranstaltung. Es ist eine Plattform, auf der Menschen zusammenkommen, die eine gemeinsame Überzeugung teilen: Gute Ausbildung kann Lebenswege verändern.
BC: Sehr geehrte Frau Müllner, Danke für das tolle Feedback und das interessante Gespräch. Wir freuen uns, Sie bald wieder bei uns zu begrüßen!

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