Inklusion braucht Partnerschaft – Martin Stengel erkklärt, wie das mit IT-Refurbishment gelingt
Business Circle: Sehr geehrter Herr Stengel, Sie sind Nachhaltigkeitsmanager der AfB Group, möchten Sie und eingangs kurz skizzieren, wie Sie Ihr Weg dorthin geführt hat?
Martin Stengel: Mein berufliches – und auch privates – Leben ist schon immer an Nachhaltigkeit orientiert, da ich den derzeitigen Weg unserer westlichen Gesellschaften als inkompatibel mit der ökologischen Tragfähigkeit unseres Planeten erlebe. Als Diplom-Ingenieur und Nachhaltigkeitsmanager sowie in meinem privaten Engagement habe ich mein Tun deshalb immer auf die aktive Mitgestaltung von Projekten für nachhaltiges Wirtschaften und Leben ausgerichtet. Die afb Social & Green IT als gemeinnützige Unternehmensgruppe mit einem von Grund auf nachhaltigen Geschäftsmodell wurde deshalb bei meinem letzten beruflichen Wechsel der Favorit unter allen Optionen.
BC: Daran anschließend: Welche Geschichte aus Ihrer Arbeit hat Sie persönlich am stärksten geprägt? Nicht, weil sie kommunikativ besonders gut funktioniert, sondern weil sie Ihre eigene Sicht verändert hat?
Stengel: Ich habe mich jahrzehntelang privat mit der Gestaltung von nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweisen beschäftigt. Für viele Menschen als Konsument:innen erscheint ein privater Wandel zwar interessant, aber schwer umsetzbar, auch weil die Fülle an Informationen überfordert und Verhaltensänderungen in der Praxis an Gewohnheiten scheitern. Hier braucht es also nachhaltige Angebote der Dienstleister und Produzenten statt sozial und ökologisch nachteilige und irreführende.
BC: Afb verbindet IT-Refurbishment mit einem sozialen Anspruch. Gebrauchte Hardware wiederaufzubereiten ist ökologisch sinnvoll, aber warum braucht es dafür zwingend eine Inklusionsdimension? Ist das eine Notwendigkeit oder ein Narrativ?
Stengel: Die Inklusionsdimension von afb Social & Green IT ist keine allgemeingültige Notwendigkeit, aber Inklusion ist eine gesellschaftlich und wirtschaftlich drängende, im öffentlichen Bewusstsein nicht ausreichend berücksichtigte Aufgabe. Afb hat sich von Anfang an die Schaffung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung als zentrale unternehmerische Ausrichtung gestellt und dazu Kreislaufwirtschaft in Form von IT-Refurbishment als das produktive Element gewählt. Wenn so etwas gelingen kann, welchen Grund könnte es noch geben, weniger gesellschaftlichen Mehrwert als Ausrichtung des eigenen wirtschaftlichen Handelns zu wählen?
BC: „Wirkung entfalten“, das klingt gut, aber wie misst man sie tatsächlich? Welche KPIs und Kennzahlen dienen Ihnen zur Quantifizierung Ihrer Erfolge?
Stengel: Nachhaltigkeit verlangt Präzision und Nachweisbarkeit; nicht überprüfbare Annahmen und Aussagen zur Wirkung von Maßnahmen können zu falschen Entscheidungen und Konsument:innen in die Irre führen. Für jede Wirkung muss die angemessene wissenschaftliche Methode gefunden werden. Wir messen die soziale Wirkung durch Befragungen unserer Mitarbeitenden zu den Konsequenzen ihrer Anstellung bei afb auf Indikatoren wie ihre Gesundheit, wahrgenommenen Respekt und Anerkennung, Motivation, Selbstbestimmung, Teilhabemöglichkeiten oder die Entwicklung beruflicher Chancen. Im ökologischen Feld untersuchen wir die Auswirkungen unserer Produktion und der Einsparungen durch die Vermeidung neu produzierter IT-Geräte unter den Aspekten Primärenergieverbrauch, Emission von CO2 (als wesentlicher Faktor für den Klimawandel), Verbrauch endlicher Ressourcen wie kritischer Rohstoffe, Wasserverbrauch und Emissionen von Umweltschadstoffen.
BC: Sie arbeiten an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit und sozialer Wirkung. Erleben Sie manchmal, dass Unternehmen lieber Projekte fördern, die kommunikativ gut aussehen, statt dort anzusetzen, wo Veränderungen schwieriger und unbequemer wären?
Stengel: Leider hat dies in der Industrie und insbesondere dem Marketing schon lange Tradition; man denke nur an sinnentleerte Aussagen wie „kontrollierter Anbau“. Damit wird den Unternehmen, die ernsthafte Beiträge leisten und dafür wirtschaftliche Risiken eingehen, der Markt streitig gemacht, anstatt sich von ihnen zur Weiterentwicklung inspirieren zu lassen. Für solche Irreführungen steigt zum Glück die allgemeine Aufmerksamkeit, und mit Richtlinien für Nachhaltigkeitsreporting oder der ab September 2026 wirksamen „EmpCo“-Richtlinie (in der Bedeutung so ungefähr: „Stärkung der Verbraucher:innen“) werden Unternehmen verpflichtet, in ihren öffentlichen Aussagen zu Nachhaltigkeit transparent, wesentlich und überprüfbar zu sein.
Nachhaltiges Gestalten braucht Überzeugung
BC: Etwas Persönliches: Macht die Arbeit im ESG-Bereich eigentlich (vor allem) Spaß, oder braucht man dafür auch eine besondere Frustrationstoleranz?
Stengel: Sie macht auf jeden Fall Spaß, erfüllt mit Sinnhaftigkeit bei allen Herausforderungen und belohnt dadurch auch über die Phasen hinaus, in denen es mal Rückschläge oder verzögernde Komplikationen gibt. Nachhaltiges Gestalten braucht Überzeugung und im wirtschaftlichen Kontext eine vieldimensionale Herangehensweise mit zeitweise längerem Atem – schließlich sollen nachhaltige Lösungen auch nachhaltig, also dauerhaft wirksam sein.
BC: Und als Abschluss: Sie kennen unseren Sustainability Summit schon aus eigener Erfahrung als Teilnehmer. Jetzt haben Sie den Sprung auf die Bühne als Vortragender geschafft. Glückwunsch dazu! Mit Ihrer Erfahrung aus dem ersten Forum, worauf freuen Sie sich beim DEI-Summit am meisten?
Stengel: Ich freue mich auf Begegnungen mit so vielen engagierten Menschen, die selbst in schwierigen Zeiten (Stichwort: Frustrationstoleranz) nicht nachlassen, sondern sich mit immer neuer Kreativität, Resilienz und persönlichem Engagement für den Erhalt unserer Gesellschaft auf diesem Planeten einsetzen und dadurch gegenseitig inspirieren.
BC: Sehr geehrter Herr Stengel, Danke für dieses inspirierende Gespräch, wir freuen uns, Sie bald live auf unsere Bühne zu begrüßen!

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