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Vienna Legal Innovation ´26

She for Law –weibliche Perspektiven in Legal Innovation. Dora Bertrandt von den „Paragraphinnen“ im Gespräch.

Reicht Talent allein – oder entscheiden in der Rechtsbranche noch immer die „richtigen“ Netzwerke? Im Interview spricht Dora Bertrandt über Machtstrukturen, weibliche Perspektiven im Legal und warum sie die „Paragraphinnen“ gegründet hat.

Business Circle: Sehr geehrte Frau Mag. Bertrandt, Sie sind Gründerin der Paragraphinnen. Was hat Sie persönlich dazu motiviert, dieses Netzwerk zu gründen – und was waren die wichtigsten Meilensteine bisher?

Dora Bertrandt: Die Paragraphinnen wurden mit dem klaren Ziel gegründet, junge Juristinnen durch gezielten Know-how-Transfer zu stärken. Hinter diesem Anspruch steht ein sehr konkreter Gedanke: Die juristische Branche ist historisch gewachsen, stark hierarchisch geprägt und lange Zeit von informellen Förderstrukturen dominiert worden, zu denen Frauen oft nur eingeschränkt Zugang hatten. Erfolg war – und ist teilweise noch – stark von persönlichen Mentor:innen, Netzwerken und außergewöhnlichem Durchhaltevermögen abhängig.
Mit den Paragraphinnen wollten wir genau hier ansetzen. Unsere Formate vermitteln praxisnahes Wissen, strategische Kompetenzen und sogenanntes „Insider-Know-how“, das es Juristinnen ermöglicht, ihren Karriereweg selbstbestimmt, authentisch und nachhaltig zu gestalten.
Dass dieser Ansatz einen Nerv getroffen hat, zeigt unsere Entwicklung: Seit der Gründung im Jahr 2021 haben sich die Paragraphinnen zum größten und relevantesten Frauennetzwerk der juristischen Branche entwickelt. Mit über 1.000 Mitgliedern und mehr als 40 renommierten Partner:innen stehen wir heute für zeitgemäße, wirkungsorientierte Frauenförderung.
Unser Angebot haben wir kontinuierlich erweitert – von Events über Podcasts, Mentoring-Programm, Ausweitung nach Deutschland und ein Buchprojekt bis hin zur 2026 gelaunchten eigenen Jobbörse. Denn wir sind überzeugt: Nachhaltige Frauenförderung und konkrete Karriereentwicklung müssen Hand in Hand gehen.

BC: Unter dem Motto „She for Law“ betonen Sie die Bedeutung weiblicher Perspektiven in Legal Innovation. Wo genau fehlt diese Perspektive konkret?

Bertrandt: Die fehlende weibliche Perspektive zeigt sich vor allem auf zwei Ebenen. Zum einen ist es ein strukturelles Thema: Der Frauenanteil in Führungspositionen der juristischen Branche ist nach wie vor gering. Zukunftsentscheidungen werden daher überwiegend von jenen getroffen, die bereits an der Spitze stehen – und das sind mehrheitlich Männer. Entsprechend bleiben weibliche Sichtweisen in strategischen Diskursen häufig unterrepräsentiert.
Zum anderen ist es eine kulturelle Frage. Viele Juristinnen zögern, ihre Perspektiven aktiv einzubringen, weil sie das Gefühl haben, erst „perfekt vorbereitet“ sein zu müssen. Dieser hohe Anspruch an sich selbst führt dazu, dass wertvolle Beiträge nicht gehört werden – obwohl sie dringend gebraucht würden.
Die gute Nachricht ist: Beide Mechanismen werden zunehmend erkannt und reflektiert. Genau hier setzen wir mit den Paragraphinnen an – indem wir Räume schaffen, in denen weibliche Perspektiven sichtbar, wirksam und selbstverständlich werden.

BC: In vielen Branchen gilt Empathie als strategischer Wettbewerbsvorteil. Welche Rolle spielt Empathie in der Rechtsbranche, sollte es hier nicht strikt nach dem Gesetz gehen?

Bertrandt: Der oft zitierte Satz „It’s a people’s business“ trifft auch – und gerade – auf die Rechtsbranche zu. Recht betrifft immer Menschen, ihre Konflikte, ihre Interessen und ihre Lebensrealitäten. Natürlich ist juristische Präzision das Fundament unseres Berufs. Doch exzellente juristische Arbeit endet nicht beim Gesetzestext.
Empathie, emotionale Intelligenz und ein feines Gespür für zwischenmenschliche Dynamiken unterscheiden gute Jurist:innen von herausragenden. Sie sind entscheidend für erfolgreiche Mandatsführung, Verhandlungsstärke, Führungskompetenz und letztlich für nachhaltige Lösungen.

Technologie war schlicht kein Teil der juristischen Ausbildung

BC: Es wird immer wieder behauptet, Frauen seien weniger technikaffin. Halten Sie das für ein „reines“ Vorurteil oder beobachten Sie tatsächlich Barrieren, die Frauen von technologischen Themen eher fernhalten?

Bertrandt: Aus meiner Sicht handelt es sich klar um ein Vorurteil. Wenn wir über Zuschreibungen sprechen, lohnt sich ein weiterer Blick: Juristinnen und Juristen insgesamt gelten häufig als wenig technikaffin. Und das hat historische Gründe. Die Branche war jahrhundertelang von Papier, Sprache und Argumentation geprägt – das waren unsere Werkzeuge, und damit waren wir erfolgreich. Technologie war schlicht kein Teil der juristischen Ausbildung.
Nun befindet sich die Branche in einem tiefgreifenden Wandel. Technologische Kompetenzen werden zunehmend relevant – für alle Geschlechter. Frauen sind hier nicht weniger geeignet, sondern oft lediglich später oder weniger gezielt an diese Themen herangeführt worden.

BC: Daran anschließend: Wenn diese Lücke existiert, wie ließe sie sich am besten verkleinern?

Bertrandt: Wie so oft liegt der Schlüssel in Bildung und Information. Begriffe wie Legal Tech oder Künstliche Intelligenz sind salonfähig und mittlerweile in der Branche angekommen. Doch Themenfelder wie Legal Engineering, Predictive Justice oder Legal Design sind vielen noch wenig vertraut.
Genau hier braucht es niedrigschwellige Zugänge, praxisnahe Weiterbildung und interdisziplinäre Formate, die juristische und technologische Denkweisen miteinander verbinden. Wissen schafft Sicherheit – und Sicherheit wiederum fördert Offenheit gegenüber

BC: Tech und Law folgen oft sehr unterschiedlichen Logiken: die eine Welt iterativ, schnell, datenbasiert; die andere risikovermeidend, präzise, hierarchisch. Wo sehen Sie die größten Reibungspunkte – und wie können die Paragraphinnen hier als Brückenbauer fungieren?

Bertrandt: Recht und Technologie folgen unterschiedlichen Logiken. Die Rechtsbranche steht für Stabilität, Präzision und Risikominimierung, während die Tech-Welt von Iteration, Geschwindigkeit und Disruption geprägt ist. Diese Unterschiede führen zwangsläufig zu Reibungspunkten – im Mindset, in der Arbeitsweise und in der Entscheidungsfindung.
Gleichzeitig sind beide Welten längst voneinander abhängig. Erfolgreiche juristische Institutionen – insbesondere Kanzleien – können es sich heute nicht mehr leisten, langsam oder nicht datenbasiert zu agieren. Ein Blick auf international erfolgreiche Strukturen zeigt deutlich: Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo rechtliche Exzellenz und technologische Kompetenz zusammengeführt werden.
Die Paragraphinnen schaffen Räume und bieten Perspektiven - so auch, wenn es um die Skills der Zukunft - wie einer technischen Kompetenz geht. In Frühjahr bieten wir zwei Veranstaltungen mit einem ausgeprägten Technologie-Fokus, um unseren Mitglieder einen low-level Einblick in das Thema zu geben.

BC: Abschließend: Was würden Sie einer jungen Maturantin raten, die eine juristische Karriere anstrebt?

Bertrandt: Das Studium ist der Einstieg – nicht der Endpunkt. Warten Sie nicht darauf, sich erst „nach dem Abschluss“ weiterzuentwickeln. Die juristische Branche sucht zunehmend Persönlichkeiten mit Weitblick, interdisziplinären Kompetenzen und einem klaren Selbstverständnis – nicht nur einen Titel auf dem Papier.
Wer früh beginnt, sich ein Netzwerk aufzubauen, zusätzliche Fähigkeiten zu erwerben und den eigenen Weg aktiv zu gestalten, verschafft sich einen entscheidenden Vorteil. Und ja: Eine Mitgliedschaft bei den Paragraphinnen kann dabei ein sehr wirkungsvoller Schritt sein.

BC: Sehr geehrte Frau Mag. Bertrandt, vielen Dank für dieses offene und klare Gespräch – und für den Einsatz, strukturelle Probleme im legal nicht nur zu benennen, sondern aktiv anzugehen.

Zu den „Paragraphinnen“

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