Roman Szeliga: Alles im Griff? Warum Organisationen umdenken müssen
Business Circle: Sehr geehrter Herr Dr. Szeliga, wenn Sie als Arzt an HR-Verantwortliche eine unbequeme Diagnose stellen müssten: Was ist derzeit das größte Missverständnis im Umgang mit Menschen in Organisationen?
Roman Szeliga: Das mache ich doch mit Freude, denn aus meiner Arzt- und Kommunikationsexperten-Sicht ergeben sich 2 Hauptdiagnosen.:
1.) chronische Effizienzverhärtung mit Empathie-Atrophie
- Symptomatik: Alles muss schneller, schlanker, skalierbarer werden, ohne die menschliche Komponente im gleichen Tempo wachsen zu lassen.
- Befund: Wo Leichtigkeit fehlt, entsteht innere Kündigung. Menschen funktionieren noch, aber sie leben nicht mehr mit.
- Mein Therapievorschlg: Raum für Humor, Menschlichkeit und Unvollkommenheit. Leistung braucht Luft zum Atmen.
2.) KPI-induzierte Sinnverarmung
- Symptomatik: Ziele werden erreicht, Sinn bleibt aus. Erschöpfung trotz Erfolg.
- Befund: Benchmarks beantworten das „Wie viel“, aber nie das „Warum“.
- Mein Therapievorschlag: Sinnstiftende Gespräche, ehrliche Wertschätzung. Menschen arbeiten nicht für Zahlen, sondern für Bedeutung.
Im Klartext: Das größte Missverständnis im Umgang mit Menschen in Organisationen ist die Annahme, sie würden sich rational verhalten, wenn man ihnen nur genug Regeln, Ziele und Incentives gibt. In Wahrheit sind Menschen emotionale Wesen, die zufällig auch arbeiten.
BC: Humor als Führungsinstrument – im Ernst? Ist Humor im Betriebsklima nicht eher ein „nice to have“. Oder liegt da ein Denkfehler – und können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie Humor Führung messbar verbessern kann?
Szeliga: Humor bedeutet nicht Witze erzählen, Humor ist eine innere Haltung und eine Lebenseinstellung! Humor in den richtigen Händen, in der richtigen Dosis, vor allem, wenn er nicht auf Kosten anderer geht, ist ein unterschätztes, kraftvolles Führungswerkzeug. Er senkt Stress, erhöht Vertrauen und macht Feedback überhaupt erst hörbar. Und wenn Führungskräfte beispielsweise auch die Fähigkeit besitzen über sich selbst und ihre kleinen Fehler zu lachen, dann ist das die absolute Champions Leaque von Leadership!
BC: Entsteht Leistung durch Gesundheit und soziale Kompetenz der Führungskräfte? Warum hält sich dann so hartnäckig das Narrativ, dass Leistung im Sinne von „Not macht erfinderisch“. vor allem durch Druck entsteht?
Szeliga: Kontinuierliche Leistung entsteht dort, wo Menschen sich sicher (wohl)fühlen, nicht bedroht. Als Arzt weiß ich: Dauerstress macht nicht kreativ, sondern krank, stur und zynisch und Angst produziert Gehorsam, aber keine Exzellenz. Und der Begriff „Multitasking- Fähigkeit“ ist neudeutsch „fake news“.
Wer Menschen ausbeutet, darf sich über Erschöpfung nicht wundern
BC: „HR steht für Human Resources und Ressourcen sind dazu da, ausgebeutet zu werden.“ Warum ist genau diese Logik aus Ihrer Sicht Teil des Problems moderner Arbeitswelten?
Szeliga: Wir lernen täglich mit Frustration: Ressourcen nutzt man, bis sie verbraucht sind. Wenigsten mit Menschen sollte man nicht umgehen, wie mit seltenen Erden, außer man plant bewusst Fluktuation und Burnout ein.
Diese Denklogik erklärt viele moderne Arbeitsprobleme erstaunlich gut. Wer Menschen ausbeutet, darf sich über Erschöpfung nicht wundern. Da hat fallen auch leider meine propagierte Leichtigkeit und die Freude nicht auf fruchtbaren Boden, um zu wachsen, da es dann diesen Nährboden im Unternehmen nicht mehr gibt
BC: Daran anschließend: „Den Menschen ganzheitlich denken“ klingt gut. Was heißt das jenseits von Obstkörben, Achtsamkeits-Apps und Employer-Branding-Kampagnen?
Szeliga: Ganzheitlich heißt für mich: Arbeitsbedingungen so gestalten, dass Menschen nicht permanent gegen sich selbst arbeiten müssen. Weniger symbolische Maßnahmen, mehr echte Entscheidungen, etwa realistische Ziele und echte Pausen. Wohlüberlegte ehrliche Überraschungen, gelebte Wertschätzung dem Individuum gegenüber. Bei meinen Patienten habe ich eines gelernt: Jeder Mensch möchte gleich behandelt werden. Individuell! Ein Obstkorb ersetzt kein gutes Gespräch. Und keine App eine respektvolle Führung.
BC: Warum sind gerade Humor Empathie und Kreativität – nach PowerPoints, Zahlen, KPIs, und Strategien– der richtige Schlusspunkt für eine HR-Konferenz?
Szeliga: Der erste Eindruck zählt, der letzte Eindruck bleibt. Humor wirkt dort, wo emotionslose Botschaften nicht mehr wirken. Gegen Daten, Zahlen und Fakten kann man sich immer wehren, gegen echte Begeisterung nie.
KPIs und zu Papier gebrachte Visionsszenarien steuern, Empathie bewegt. Kreativität entsteht dort, wo Menschen sich angenommen fühlen und mit einer fröhlichen, positiven Einstellung ihre Arbeit erfüllen, und genau das entscheidet über Zukunftsfähigkeit. Allen Ernstes :-)
BC: Abschließend: Willkommen zurück! Sie haben schon eine lange Historie als Vortragender bei uns, was gefällt Ihnen bei Business Konferenzen besonders?
Szeliga: Business Circle macht seit vielen Jahren das, was viele versprechen: Substanz statt Oberflächlichkeit und das im Tempo der Zeit. Dennoch keine Trend-Hektik, sondern Inhalte mit Tiefgang und Praxisbezug. Besonders finde ich auch: Es entstehen durch viele Stammgäste echte Communities, dazu Kreativität und gelebte Realität bei den Veranstaltungen. Genau deshalb bin ich seit Jahren immer wieder gern dabei.
BC: Lieber Herr Dr. Szeliga, herzlichen Dank für dieses offene und pointierte Gespräch. Haben wir Mut, Führung wieder menschlicher zu denken! Wir freuen uns schon sehr auf Ihre Keynote bei den Human Impact Days.



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