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Lehrlingsforum

Wie selbstbestimmtes Lernen die Rolle von Lehrlingen neu definiert. Ein Gespräch mit Brigita Bede-Kußberger von Thalia

Brigita Bede-Kußberger ist überzeugt. „Selbstbestimmtes Lernen bedeutet nicht, Führung wegzunehmen, sondern Führung neu zu denken.“ Wir sprechen mit ihr darüber, wie sie als Lehrlingsbeauftragte bei Thalia Österreich die Balance zwischen Führung und freier Entfaltung meistert.

Business Circle: Sehr geehrte Frau Bede-Kussberger, über Lehrlingsausbildung wird viel gesprochen. Und Betriebe klagen darüber, dass Motivation, Leistungsbereitschaft und Grundkompetenzen abnehmen. Ist das nur das unumgängliche Schimpfen über die „Jugend von heute“ oder kommt die neue Generation tatsächlich mit grundlegend anderen Erwartungen an Ausbildung heran?

Brigita Bede-Kußberger: Ich glaube, mit Verallgemeinerungen wie „die Jugend von heute“ schaffen wir schnell ein Bild von „Wir gegen euch“ und damit kommen wir nicht weiter. Natürlich verändern sich die Erwartungen junger Menschen an Ausbildung und Arbeitswelt. Aber das ist für mich nicht grundsätzlich etwas Negatives.
Viel wichtiger ist der Austausch – zwischen Schüler und Lehrkräften, Lehrlingen und Ausbildenden oder Mitarbeitenden und Führungskräften. Wenn wir bereit sind, die Bedürfnisse und Perspektiven des jeweils anderen zu verstehen und gegenseitige Akzeptanz zu schaffen, entsteht überhaupt erst die Basis für Entwicklung, Motivation und Lernbereitschaft.
Und wir erleben bei uns sehr viele motivierte junge Menschen, die ihre Ausbildung ernst nehmen und sich weiterentwickeln wollen. Das zeigt sich nicht nur in den positiven Ergebnissen bei den Lehrabschlussprüfungen, sondern auch in unserer Übernahmequote und in den vielen jungen Menschen, die sich nach der Lehre innerhalb des Unternehmens weiterentwickeln.
Deshalb sehe ich weniger ein Problem mit einer „neuen Generation“, sondern vielmehr eine Chance, Ausbildung immer wieder neu zu denken. Die Frage sollte nicht sein: „Was stimmt mit der Jugend nicht?“, sondern: „Was brauchen junge Menschen, damit sie ihr Potenzial entfalten können?“

BC: Selbstbestimmtes Lernen soll die Rollen von Lehrlingen und Ausbilderinnen neu definieren, aber braucht nicht gerade ein 15- oder 16-jähriger Mensch zunächst Orientierung und klare Führung, bevor Selbststeuerung überhaupt funktionieren kann?

Bede-Kußberger: Ja, absolut. Sicherheit und ein gutes Team stehen laut der Jugendstudie 2026 sehr weit oben auf der Bedürfnisliste junger Menschen. Orientierung und klare Führung sind deshalb für mich wichtige Grundbausteine. Sie schaffen den sicheren Hafen, von dem aus selbstständiges Lernen überhaupt möglich wird.
Gleichzeitig steht für Jugendliche ein weiterer Punkt ganz weit oben: ernst genommen zu werden. Junge Menschen wollen mitreden, Verantwortung übernehmen, eigenständig arbeiten und Aufgaben erledigen, die für sie sinnvoll sind. Und sie wollen dabei auch ihr eigenes Tempo mitbestimmen können.
Genau diese Balance wollen wir mit unserem Konzept des selbstbestimmten Lernens schaffen: Wir geben den Rahmen, die Orientierung und die Sicherheit. Und innerhalb dieses Rahmens geben wir unseren Lehrlingen aber zunehmend Raum, selbst Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und ihren eigenen Lernweg mitzugestalten.
Für mich bedeutet selbstbestimmtes Lernen deshalb nicht, Führung wegzunehmen, sondern Führung neu zu denken: weniger vorgeben, mehr zutrauen.

Wissensvermittlung vs. Lernbegleitung

BC: Sie sprechen vom Wandel vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter. Was unterscheidet die beiden?

Bede-Kußberger: Wissensvermittlung allein ist uns zu eindimensional. Natürlich hat ein Unternehmen die gesetzliche Verpflichtung, Lehrlinge „ordnungsgemäß auszubilden“ , also Wissen und Fertigkeiten zu vermitteln. Aber Ausbildung funktioniert für mich nicht als Einbahnstraße.
Denn auch der Lehrling hat eine Verantwortung: Er muss sich „bemühen, die erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben“. Und genau an diesem Punkt beginnt für mich die Rolle des Lernbegleiters.
Ein Wissensvermittler gibt Wissen weiter. Ein Lernbegleiter schafft dagegen Räume, stellt die richtigen Fragen, gibt Orientierung, fordert Eigeninitiative und unterstützt dabei, selbst Lösungen zu entwickeln. Es geht also nicht nur darum, was ich als Ausbilder vermittle, sondern auch darum, was beim Lehrling daraus entsteht.
Der Lernbegleiter begleitet den Weg, aber gehen muss ihn der Lehrling selbst.

BC: Woran erkennen Sie in der Praxis, dass ein neues Lernformat tatsächlich wirkt. Mit welchen Indikatoren oder Kennzahlen arbeiten Sie?

Bede-Kußberger: Aktuell befinden wir uns noch in der Einführungsphase, deshalb wäre es aus meiner Sicht zu früh, schon mit konkreten Kennzahlen zu arbeiten. Für mich ist aber bereits das Feedback der Ausbildenden ein wichtiger erster Indikator.
Im Sommer haben wir in einer Arbeitsgruppe gemeinsam die Lernaufträge für das erste Lehrjahr entwickelt. Die Resonanz darauf war durchwegs sehr positiv. Das ist für mich ein gutes Zeichen, denn letztlich sind es die Ausbildenden, die das Konzept im Alltag mit Leben füllen.
Jetzt sind unsere Lehrlinge gerade dabei, die neuen Lernaufträge in der Praxis umzusetzen. Im Frühjahr 2027 werden wir die ersten Evaluierungen durchführen und uns dann ganz konkret anschauen: Was funktioniert gut? Was kommt bei den Lehrlingen an? Wo müssen wir noch nachschärfen?
Ich glaube, gerade bei neuen Lernformaten sollte man nicht zu schnell nach Kennzahlen fragen, sondern zunächst beobachten, zuhören und daraus lernen. Entscheidend ist am Ende, ob das Konzept im Ausbildungsalltag tatsächlich einen Mehrwert bringt.

BC: Sie haben bei Thalia ein neues Lernkonzept eingeführt. Welche Ihrer ursprünglichen Ideen hat auch gleich in der Praxis funktioniert und was musste im Alltag noch einmal komplett überdacht werden?

Bede-Kußberger: Eine Veränderung, die in der Praxis sehr gut funktioniert, ist der regelmäßige Austausch mit unseren Ausbildenden. Wir bilden Lehrlinge in Buchhandlungen österreichweit aus – da ist Kommunikation im Alltag natürlich eine Herausforderung. Deshalb treffen wir uns mittlerweile alle sechs Wochen online und einmal im Jahr auch persönlich. Dieser regelmäßige Austausch schafft Nähe, obwohl wir räumlich weit voneinander entfernt sind, und hilft uns, Themen schnell aufzugreifen und gemeinsam weiterzuentwickeln.
Etwas holpriger gestartet ist dagegen unser Projekt der „Social Content Creators“. Unsere Lehrlinge wurden dafür im Bereich Video-Dreh geschult, mit dem Ziel, noch mehr authentischen Content direkt aus unseren Buchhandlungen auf Social Media zu bringen. Die Idee hat uns sofort überzeugt – in der Umsetzung haben wir aber schnell gemerkt: Es braucht vor allem Vertrauen. Lehrlinge müssen sich erst trauen, vor der Kamera zu stehen, eigene Ideen einzubringen und Content zu produzieren. Dafür braucht es mehr Begleitung und Unterstützung, als wir ursprünglich gedacht hatten.
Aber genau das macht für mich ein gutes Lernkonzept aus: Man entwickelt eine Idee, probiert sie aus, lernt aus der Praxis und justiert nach. Ich habe viele Ideen und probiere gerne neue Dinge aus. Und wenn etwas nicht sofort perfekt funktioniert, sehe ich das nicht als Scheitern, sondern als Teil des Lernprozesses.

BC: In jeder Organisation gibt es Spitzenkräfte, eine solide Mitte und auch Menschen, die sich schwertun. Wird in der Lehrlingsausbildung manchmal zu viel Energie darauf verwendet, alle gleich fördern (und gleich machen) zu wollen, anstatt Spitzen-Talente gezielt weiterzuentwickeln?

Bede-Kußberger: Uns ist wichtig, während der Lehrzeit allen Jugendlichen die gleichen Chancen zur persönlichen und fachlichen Entwicklung zu geben. Gerade bei jungen Lehrlingen passiert unglaublich viel und manchmal entwickelt sich ein Talent erst im Laufe der Ausbildung. Deshalb wäre es aus meiner Sicht zu früh, bereits am Anfang festzulegen, wer einmal zu den Spitzenkräften gehören wird.
In unseren internen Lehrlings-Workshops geht es deshalb neben fachlichen Themen auch verstärkt um Persönlichkeitsentwicklung. Dabei erleben wir immer wieder, dass besondere Stärken und Talente sichtbar werden und genau diese wollen wir dann natürlich gezielt fördern.
Auch nach der Lehre bieten wir verschiedene Möglichkeiten zur Weiterentwicklung im Unternehmen. Dass dieser Weg funktionieren kann, zeigt sich auch daran, dass viele unserer Filialleitungen selbst mit einer Lehre begonnen haben.
Wenn ich also auf die Frage zurückkomme: Ja, wir wollen Spitzentalente gezielt weiterentwickeln. Gleichzeitig verstehen wir die Lehre als Grundausbildung, in der zunächst alle die gleichen Chancen bekommen sollen, ihre Stärken zu entdecken und sich zu entwickeln. Entscheidend ist für mich, Potenziale nicht zu früh einzuordnen, sondern sie zu erkennen, wenn sie sichtbar werden – und dann auch die richtigen Möglichkeiten zu bieten.

BC: Zum Schluss etwas Persönliches: Sie engagieren sich seit Jahren mit großer Überzeugung für die Lehre. Was motiviert Sie dabei am meisten und worauf freuen Sie sich beim Lehrlingsforum besonders?

Bede-Kußberger: Für mich ist die duale Ausbildung eine perfekte Verbindung aus Learning und Doing – also aus theoretischem Wissen und praktischer Erfahrung. Ich selbst habe Schule oft als sehr theoretisch erlebt und mir damals viel mehr Praxisbezug gewünscht. Gleichzeitig lesen wir in unzähligen Stellenanzeigen: „Berufserfahrung erwünscht.“ Genau diese Verbindung schafft eine Lehre von Anfang an.
Mein persönlicher Antrieb ist aber noch ein anderer: Ich wünsche mir, dass meine Tochter, wenn sie vor der Entscheidung steht, welchen Weg sie einschlagen möchte, eine Lehre genauso selbstverständlich in Betracht zieht wie ein Studium. Dafür möchte ich meinen Beitrag leisten: dass wir als Gesellschaft erkennen, dass Bildung nicht nur auf einem Weg funktioniert.
Und genau darauf freue ich mich auch beim Lehrlingsforum: auf den Austausch, neue Impulse und viele Menschen, die dieselbe Überzeugung teilen und gemeinsam etwas für die Lehre bewegen möchten.

BC: Sehr geehrte Frau Bede-Kußberger, danke für diese persönlichen Einblicke und Ihr Plädoyer dafür, weniger vorzugeben und mehr zuzutrauen. Wir freuen uns, Sie beim Lehrlingsform auf unserer Bühne zu begrüßen.

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