Klimaschutz als Standortvorteil – Gespräch mit Christian Kdolsky vom Klimavolksbegehren
Business Circle: Sehr geehrter Herr Kdolsky, eingangs etwas Persönliches: Sie repräsentieren seit über drei Jahren das Klimavolksbegehren. Möchten Sie uns kurz skizzieren, wie Ihr Weg dorthin geführt hat und was Sie im Besonderen motiviert hat?
Christian Kdolsky: Ich bin Vater von zwei Kindern, und die Frage, ob sie die gleichen Chancen haben werden wie ich, hat mich umgetrieben. Ich hatte Zweifel, ob die Politik verbindlich genug auf die Klimakrise reagiert. Dieser Verdacht hat sich schon bald bestätigt, als ich beim Klimavolksbegehren mit Vertretern der Regierungsspitze reden durfte. Dieser abwartende Zugang ist eine vergebene Chance – denn im Klimaschutz gibt so viel zu gewinnen für Österreich: Ein besseres Leben für die Menschen und ein gestärkter Wirtschaftsstandort für unsere Betriebe. Dafür brenne ich – genauso wie die Menschen im Verein und bei unseren Partnern.
BC: Sie sagen: „Klimaschutz ist die beste Budgetsanierung“ – wie verhalten sich ökonomische Argumente zu moralischen und ökologischen Begründungen in der Klimadebatte?
Kdolsky: Für uns sind diese Argumente keine Gegensätze, sondern verschiedene Zugänge zu derselben unausweichlichen Wahrheit: Klimaschutz sichert unsere Zukunft. Ökonomisch, ökologisch und sozial. Die moralische und ökologische Begründung liefert die Dringlichkeit und die Richtung, sie sagt uns, warum wir handeln müssen und welches Ziel wir erreichen müssen. Die ökonomischen Argumente machen diesen Weg gangbar und skalierbar. Für REWE oder Lidl bedeutet Klimaschutz sinkende Betriebskosten durch eigene Solaranlagen und effiziente Logistik. Für Takeda bedeutet er Resilienz gegen Energiepreisschocks durch Investitionen in erneuerbare Energien und Kreislaufwirtschaft. Für Holcim bedeutet er die Zukunftssicherung des gesamten Geschäftsmodells durch Innovationen wie klimaneutralen Zement. Und für die VBV bedeutet er die Absicherung von Altersvorsorgen gegen klimabedingte Vermögensrisiken. „Budgetsanierung“ findet auf allen Ebenen statt: In der Staatskasse durch Milliarden an vermiedenen Klimafolgekosten und klimaschädlichen Subventionen, in der Unternehmensbilanz durch niedrigere operative Kosten und in den Portfolios durch zukunftssichere Investitionen und Zugang zum Finanzmarkt. Wer eines dieser Argumente ausblendet, verkennt die Ganzheitlichkeit der Herausforderung. Die Business Allianz Klima versammelt Unternehmen, die „mehr wollen“.
BC: Aber wie groß ist der reale Veränderungswille, wenn jemand mit am Tisch sitzt, der sein Geschäftsmodell fundamental infrage stellen müsste?
Kdolsky: Die Anwesenheit eines Unternehmens wie Holcim, aber auch anderer großer Transformierer in unserer Allianz, ist die eindeutigste Antwort auf diese Frage. Der reale Veränderungswille zeigt sich nicht in Lippenbekenntnissen, sondern in der konkreten Neuausrichtung des Kerngeschäfts. Bei Holcim bedeutet das die Evolution vom Zementlieferanten zum Lösungsanbieter für nachhaltiges Bauen, eine fundamentale, aber notwendige Transformation. Bei Takeda zeigt er sich in der Austrian Sustainability Summit Investition in eine großindustrielle Wärmepumpenlösung für die Dampfversorgung. Bei REWE und Lidl in der Dekarbonisierung komplexer Logistiknetze. Dieser Wille ist real, weil er existenziell ist. Die Märkte von morgen verlangen klimaneutrale Produkte und Prozesse. Unser gemeinsamer und vielleicht entscheidendster Beweis für Ernsthaftigkeit ist jedoch unser kollektives Eintreten für verbindliche politische Rahmenbedingungen. Wir fordern als Allianz verbindliche Gesetze und klare Strategien, die Planungssicherheit schaffen. Das ist die Grundlage für die milliardenschweren Investitionen in die Transformation.
BC: Wie unterscheidet man realen Veränderungswillen von simplen Greenwashing-Initiativen?
Kdolsky: Echter Veränderungswille muss drei harte Kriterien erfüllen. Erstens muss die Wirkung im Kerngeschäft spürbar sein. Es geht nicht um einen grünen Marketingauftritt oder ein Randprojekt, sondern um die Dekarbonisierung des Hauptprodukts, der wichtigsten Prozesse oder der zentralen Lieferkette. Zweitens bedarf es wissenschaftsbasierter, messbarer Ziele und vollständiger Transparenz. Fortschritt muss nachvollziehbar und überprüfbar sein, etwa durch die Zertifizierung durch die Science Based Targets Initiative. Das dritte und vielleicht wichtigste Kriterium ist die Advocacy für den Wandel. Unternehmen, die es wirklich ernst meinen, setzen sich nicht nur intern um, sondern werden auch nach außen hin zu aktiven Fürsprechern einer ambitionierten Politik. Sie fordern mutige Gesetze und den Abbau fossiler Subventionen, selbst wenn dies kurzfristig eigene Kosten erhöht. Greenwashing dagegen bleibt oft bei unverbindlichen Absichtserklärungen stehen, feiert isolierte Pilotprojekte und wehrt sich hinter den Kulissen gegen strenge Regulierung. Unser gemeinsamer, öffentlicher Appell für ein wirksames Klimagesetz, ambitionierte Klimaziele, sowie Technologieklarheit ist unser wirksamster Schutzschild gegen genau diesen Vorwurf.
BC: Sie sagen, strenge Klimaregeln stärken den Standort. Kritiker sagen, sie treiben Industrie weg. Wer sagt hier die unbequeme Wahrheit – und wer ignoriert systematisch?
Kdolsky: Die Teilnehmer:innen der Business Allianz leben täglich mit der Spannung zwischen diesen beiden Perspektiven. Beide Seiten haben einen Teil der unbequemen Wahrheit erfasst. Die Kritiker, die auf Abwanderung und Deindustrialisierung verweisen, haben recht, wenn strenge Regeln als isolierte Strafmaßnahme ohne flankierende Maßnahmen kommen. Ohne einen massiven, parallel beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien und der Netze, ohne Förderung für Schlüsseltechnologien können ambitionierte Ziele tatsächlich Standorte gefährden. Die andere Seite der Wahrheit, ist, dass ohne klare, verbindliche und ambitionierte Regeln die notwendigen Investitionssignale ausbleiben. Die Transformation findet dann nicht statt: Die Unternehmen produzieren dann teuer am Markt vorbei, und die Kosten der Klimakrise, die bereits heute Milliarden betragen, lasten weiterhin auf der Gesellschaft. Weder reine Deregulierung noch reine Regulierung führen zum Ziel. Wir brauchen den politischen Doppelschritt: Ein klares, verbindliches Klimagesetz als Kompass und Zielvorgabe, kombiniert mit einer Investitions- und Infrastrukturoffensive als Ermöglicher. Nur so werden Regeln zum Standortvorteil, weil sie Planungssicherheit schaffen und Österreich zum Innovations- und Technologieführer machen.
Europa als Labor der Zukunftsmärkte
BC: Außerhalb der EU scheint Klimaschutz politisch an Bedeutung zu verlieren. Ist Europa Vorreiter oder riskieren wir gerade, wirtschaftlich und geopolitisch den Anschluss zu verlieren?
Kdolsky: Europa geht mit seiner Vorreiterrolle ein notwendiges Risiko ein, um ein weit größeres, existenzielles Risiko zu vermeiden. Zugegeben, kurzfristig entsteht Wettbewerbsdruck, wenn andere Wirtschaftsräume weniger ambitioniert agieren. Doch aus unserer gesamtheitlichen Perspektive heraus ist die europäische Strategie klug. Sie macht Europa zum Labor der Zukunftsmärkte. Für global agierende Unternehmen schafft der EU Green Deal Klarheit und Einheitlichkeit für einen ganzen Kontinent. Das ist ein enormer Planungsvorteil. Für viele Unternehmen ist die „grüne“ Reputation Europas ein weltweit geschätztes Qualitätsversprechen. Und für Grundstoffindustrien wie Holcim oder die Heinzel Group geht es um technologische Führerschaft: Wer die Lösungen entwickelt, beherrscht die Schlüsselindustrien des 21. Jahrhunderts und macht sich unabhängig von fossilen Rohstoffmonopolen. Das größere Risiko wäre, abzuwarten und die Standards von anderen vorgegeben zu bekommen. Wachstum entstand noch nie dadurch, nur noch mehr vom Alten zu machen, sondern Chancen zu ergreifen. Europas Vorreiterrolle ist daher keine romantische Idee, sondern eine harte geopolitische und wirtschaftliche Strategie. Sie kann jedoch nur gelingen, wenn die Umsetzung deutlich beschleunigt wird: Bei Genehmigungen, beim Infrastrukturausbau und bei der Förderung von Schlüsseltechnologien.
BC: Warum ist es in Ihren Augen so wichtig, dass sich die Gestalter in der ESG-Community live vernetzen, und worauf freuen Sie sich bei der Konferenz am meisten?
Kdolsky: Die Live-Vernetzung ist der essentielle Katalysator für echte Transformation. Sie verwandelt abstrakte Ziele in konkrete Kooperationen. In persönlichen Begegnungen entsteht Vertrauen, Verständnis und Kreativität. Sektorübergreifende Brückenschläge sind unersetzlich, denn die Klimakrise lässt sich nicht in den Silos einzelner Branchen lösen. Am meisten freuen wir uns auf genau diese unvorhergesehenen Momente der Synergie: wenn z. B. Startups, etablierte Industrie und Finanzierer in einem Workshop plötzlich ein gemeinsames Geschäftsmodell für eine Energiegemeinschaft skizzieren. Oder wenn Unternehmer:innen sich ermutigt fühlen, ihren persönlichen Antrieb gemeinsam für verbindliche Klimapolitik einzusetzen.
BC: Sehr geehrter Herr Kdolsky, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und freuen uns, Sie bald live beim Sustainability Summit zu begrüßen!


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