ReOil®, Rezyklate, Regulierung: Dr. Beate Edl-Gettinger, OMV im Gespräch über die Kunststoffwende
Business Circle: Sehr geehrte Frau Dr. Edl-Gettinger, in unserem letzten Gespräch betonten Sie, dass man Plastikmüll als Rohstoff begreifen müsse. Hat sich da im letzten Jahr etwas Entscheidendes getan?
Beate Edl-Gettinger: Ja, im letzten Jahr hat sich – insbesondere auf europäischer Ebene – tatsächlich Entscheidendes getan. Die EU hat zwei zentrale Regularien verabschiedet, die den Umgang mit Kunststoff grundlegend verändern: die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) und die End-of-Life Vehicle Regulation (EoLVR).
Die PPWR, die seit Februar 2025 in Kraft ist, definiert erstmals einen einheitlich direkt geltenden Rechtsrahmen für Verpackungen. Sie verpflichtet dazu, dass ab 2030 sämtliche Verpackungen wirtschaftlich sinnvoll recyclebar sein müssen und führt verbindliche Rezyklateinsatzquoten ein – auch für kontaktsensitive Anwendungen, wie Lebensmittelverpackungen.
Ende 2025 wurde zudem die EoLVR verabschiedet, die verpflichtende Rezyklateinsatzquoten für Kunststoffes in Neufahrzeugen vorsieht.
Damit schafft die EU starke Anreize, Kunststoffe im Kreis zu führen – weg vom Abfall, hin zum industriellen Rohstoff.
BC: Sie haben Ihre Arbeit dem Chemischen Recycling als Schlüsseltechnologie gewidmet – Wie gehen Sie mit Kritikern um, die meinen, das sei energieintensiv, teuer oder politisch überbewertet?
Edl-Gettinger: Ich nehme Kritik am chemischen Recycling sehr ernst – sie zeigt, wie wichtig es ist im Dialog zu bleiben und weiterhin transparent zu kommunizieren. Ja, chemisches Recycling ist energieintensiver als andere Recyclingverfahren, wie etwa das mechanische Recycling – das ist unbestritten. Gleichzeitig sehen wir aber auch die Grenzen des mechanischen Recyclings: Abfallströme, wie gemischte Polyolefinfraktionen, können damit nicht verarbeitet werden. Darüber hinaus ist das erzeugte Rezyklat nicht für anspruchsvolle Anwendungen wie Lebensmittelkontakt einsetzbar.
Beim Thema Kosten dürfen wir nicht vergessen, dass sich die meisten chemischen Recyclinganlagen in Europa noch im Pilot- oder Demomaßstab befinden. Wie bei jeder neuen Technologie sind die Kosten in der frühen Phase höher. Mit zunehmender Skalierung und Prozessoptimierung werden die Kosten sinken. Dennoch erwarten wir nicht, dass chemisch recycelte Produkte preislich mit Neukunststoffen konkurrieren können. Der Mehrwert liegt vielmehr darin, Ressourcen im Kreislauf zu halten, CO2-Emissionen gegenüber der Verbrennung zu reduzieren und regulatorische Anforderungen für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zu erfüllen.
Und zur politischen Bewertung: wie eingangs erläutert, setzt die EU ambitionierte Ziele für Recyclingquoten und Kreislaufwirtschaft. Um diese Ziele zu erreichen, brauchen wir ein breites Technologieportfolio. Mechanisches und chemisches Recycling sind keine Gegensätze, sondern ergänzen einander und ermöglichen erst gemeinsam geschlossene Kunststoffkreisläufe.
Hohe Kapitalaufwände brauchen stabile regulatorische Rahmen
BC: Eine Frage zur Skalierung beim Übergang auf industrielle Kapazitäten. Wie groß ist der Sprung zwischen Pilotanlage und wirtschaftlicher Realität? Und wo lauern die Stolperstricke?
Edl-Gettinger: Seit 2018 betreiben wir an unserem Raffineriestandort in Schwechat eine chemische Recyclinganlage im Pilotmaßstab. 2025 haben wir die nächstgrößere Anlage mit einer Kapazität von 2.000 kg/h in Betrieb genommen – ein Scale-up Faktor von 20. Sie bestätigt die Skalierbarkeit unseres Verfahrens, gleichzeitig befinden wir uns weiterhin in einer intensiven Lernphase: wir sammeln systematisch Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Feedstocks und arbeiten kontinuierlich an Prozessoptimierungen.
Für einen industriellen Hochlauf sind neben der technischen Reife zwei Faktoren entscheidend: Investitionssicherheit und die Entwicklung der gesamten Wertschöpfungskette.
Großanlagen erfordern hohe Kapitalaufwände. Dafür braucht es einen stabilen regulatorischen Rahmen. Zwar sehen wir aktuell regulatorische Weiterentwicklungen, doch bestehen weiterhin offene Fragen wie beispielsweise die konkrete Ausgestaltung der Massenbilanzierung, die für die Anrechnung von chemisch recycelten Rohstoffen von zentraler Bedeutung ist.
Zum Thema Wertschöpfungskette: eine funktionierende Kreislaufwirtschaft entsteht nur, wenn alle Glieder der Kette gleichzeitig wachsen. Das bedeutet: robuste Strukturen in Sammlung, Sortierung, gesicherte Mengenströme und eine verlässliche Marktnachfrage nach hochwertigen Rezyklaten.
BC: Europa spricht seit Jahren von der „Circular Economy“ – aber die Recyclingquote ist nicht signifikant gestiegen, viele Stoffströme verlassen den Kontinent. Liegt das Scheitern an fehlender Technologie, oder eher an falschen Anreizen?
Edl-Gettinger: Voraussichtlich werden nicht alle EU Mitgliedstaaten das 50% Ziel für das Recycling von Kunststoffverpackungen im Jahr 2025 erreichen. Die Ursachen hierfür sehe ich nicht primär in den Exporten begründet, denn gleichzeitig gelangen auch Kunststoffabfallströme zur Verwertung in die EU. Viel gravierender ist weiterhin die unzureichende Infrastruktur in vielen Ländern. 2022 wurden in Europa noch rd. 23% der Kunststoffabfälle deponiert und knapp 50% thermisch verwertet. Die Gründe hierfür sind unvollständig ausgebaute Sammelsysteme – der erste und entscheidende Schritt jeder funktionierenden Kreislaufwirtschaft – fehlende Sortierkapazitäten und unzureichende Recyclinginfrastruktur, sei es mechanisch oder chemisch, so dass vorhandene Abfallmengen gar nicht recycelt werden können.
BC: Welche Rolle spielen Partnerschaften mit der Kunststoffindustrie, um Abnehmer für recycelte Rohstoffe zu sichern?
Edl-Gettinger: Eine sehr zentrale. Der Einsatz recycelter Rohstoffe ist nicht nur eine technologische Frage, sondern vor allem ein Markt- und Wertschöpfungsthema. Durch die bereits erwähnten EU Regularien wird ein deutlicher Anstieg beim Bedarf an hochwertigen Recyclingrohstoffen erwartet. Um diesen Bedarf zuverlässig zu bedienen, braucht es stabile Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
BC: Diese Partnerschaft von der anderen Seite betrachtet: Was wäre hinsichtlich der Recyclingfähigkeit im Produktdesign zu verbessern? Und müsste auch regulatorisch etwas getan werden?
Edl-Gettinger: Aus Sicht des Produktdesigns müssen vor allem zwei Dinge verbessert werden: erstens die konsequente Materialvereinfachung, daher weniger komplexe Verbunde und weniger Additive, die die Rezyklatqualität beeinträchtigen können. Genau dafür setzt die PWWPR ab 2030 verbindliche Rezyklierbarkeitsanforderungen von mindestens 70% als Markteintrittsvoraussetzung. Zweitens brauchen wir auch Design-for-Eco-efficiency Ansätze: weniger Materialeinsatz und insgesamt mehr Ressourceneffizienz, wie es die PPWR über klare Vorgaben zur Verpackungsminimierung und Materialreduktion bereits verankert.
Und dort, wo bestimmte funktionale Barrieren oder komplexe Materialien notwendig sind, kann chemisches Recycling eine wichtige Rolle spielen, weil es auch schwer recyclebare Strukturen verwerten kann, die mechanisch nicht zu handhaben sind.
Regulatorisch ist ein Rahmen gesetzt. Der nächste Schritt ist, dass Produktdesign und Industrie diese Vorgaben konsequent und pragmatisch am Markt umsetzen.
BC: Abschließend etwas Persönliches: Macht die Arbeit mit der Circular Economy eigentlich (vor allem) Spaß – oder braucht man dafür auch eine besondere Frustrationstoleranz?
Edl-Gettinger: Beides – und das macht auch den Reiz aus. Die Arbeit in der Circular Economy macht unglaublich viel Spaß, weil man an Lösungen arbeitet, die sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich etwas bewegen. Gleichzeitig braucht es definitiv eine gewisse Frustrationstoleranz, gerade weil Entwicklungen in Politik, Technologie und Markt oftmals mehr Zeit brauchen, als man sich das wünscht.
Doch die Mischung aus Pioniergeist, Gestaltungsfreiheit und sichtbaren Erfolgen motiviert enorm – etwa der Go-live unserer ReOil® Anlage im vergangenen Jahr oder die bevorstehende Inbetriebnahme unserer in Kooperation mit Interzero entwickelten Sortieranlage für die Produktion von Einsatzstoffen für das chemische Recycling.
BC: Sehr geehrte Frau Dr. Edl-Gettinger, herzlichen Dank für Ihre offenen Einschätzungen und die praxisnahen Perspektiven. Wir freuen uns, Sie bald wieder auf der Business Circle-Bühne zu begrüßen!



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