Vom Mitarbeitenden zur Führungskraft: Interview mit Alexander Milz, Teil 2
BC: Sehr geehrter Herr Milz, im ersten Teil des Interviews erwähnten Sie auch Konflikte, welche Rolle spielen diese?
Milz: Eine zentrale. Und hier ist mir ein Unterschied wichtig: Konflikte kann man nicht immer lösen, aber man muss sie entscheiden. Das ist eine andere Haltung. Hinzu kommt: Konflikte werden in Organisationen häufig vererbt. Ich erlebe immer wieder, dass eine junge Führungskraft, jung im Sinne der neu übernommenen Verantwortung, Konflikte erbt, die auf Mitarbeitendenebene in der Vergangenheit nicht oder schlecht gelöst wurden. Dafür ist sie nicht verantwortlich, muss aber trotzdem damit umgehen.
BC: Wie geht man als Führungskraft mit so einem geerbten Konflikt um?
Milz: Indem man im Rahmen der eigenen Möglichkeiten arbeitet – und auch lernt, die eigene Führungskraft und die Wege innerhalb der Organisation gezielt zu nutzen, statt den Konflikt allein lösen zu wollen. Führung heißt am Ende: ein multiples Verständnis unterschiedlicher Rollen zu entwickeln, gepaart mit Klarheit darüber, was die jeweilige Situation erfordert und was dabei die eigenen Möglichkeiten, aber auch die eigenen Grenzen sind.
BC: Welche Rolle spielt dabei das Verhältnis zur eigenen Führungskraft?
Milz: Eine entscheidende. Wenn die Abstimmung mit dem eigenen Chef oder der eigenen Chefin nicht funktioniert, sind die Führungskräfte im mittleren Management auf sich allein zurückgeworfen. Deshalb erarbeiten wir im Seminar konkrete Ideen, wie man diesen internen Dialog aktiv gestalten und einen situativen Auftrag abstimmen kann.
Funktion versus Rolle
BC: Sie sagen, Führungskräfte werden eigentlich nicht für Führung bezahlt, was meinen Sie damit?
Milz: Etwas zugespitzt: bezahlt wird dafür, dass der Betrieb operativ läuft. Das ist eine der größten Fallen. Wer sich selbst zu stark operativ einbringt, sorgt zwar dafür, dass alles funktioniert, macht sich aber gleichzeitig unentbehrlich und das System wird davon abhängig.
BC: Warum ist Delegieren dann nicht einfach die Lösung?
Milz: Weil Mitarbeitende oft selbst schon überlastet sind. Der wohlgemeinte Rat „delegieren Sie mehr“ wird dann eher als Zumutung empfunden. Genau hier entsteht ein echtes Rollendilemma: unterstützen wollen, aber gleichzeitig Freiräume brauchen für Teamentwicklung, Ausrichtung und Motivation.
BC: Sie sprachen von Dilemmata. Gibt es da noch eine andere Falle bei der Delegation?
Milz: Ja, eine ganz typische Doppeldeutigkeit, ein Doublebind. Wenn eine Führungskraft zu viel Arbeit hat, sagt der eigene Chef sehr schnell: „Dann delegieren Sie mehr.“ Gemeint ist damit aber meistens nicht, dass die Aufgaben, die eigentlich den Chef selbst betreffen, ebenfalls delegiert werden sollen. Genau da beginnt das Dilemma. Führungskräfte stehen ständig in solchen Doppeldeutigkeiten, die zu erkennen und dafür einen situativ passenden Klärungsprozess herbeizuführen, ist Teil der Aufgabe. Es gibt eine schöne, zugespitzte Definition von Delegation: Wen enttäusche ich als Nächstes? Daran wird deutlich, worum es eigentlich geht.
BC: Was nehmen die Teilnehmenden konkret aus dem Seminar mit?
Milz: Keine generischen Modelle, sondern handfeste, miteinander abgestimmte Antworten auf genau diese Dilemmata – jeder Teilnehmende erarbeitet konkrete Ideen für seinen eigenen Kontext.
BC: Bei all diesen Dilemmata, Widersprüchen und geerbten Konflikten: Warum sollten sich Menschen das überhaupt antun?
Milz: Weil es nicht nur Spaß machen kann, in diesen Dingen etwas zu gestalten, sondern weil es ganz, ganz viele Kompetenzen trainiert – persönlich wie strategisch. Wir lernen, mit Komplexität umzugehen. Wir lernen Abgrenzung. Wir lernen vermitteln. Wir lernen ausgleichen. Wir lernen entscheiden. Und wir lernen, Spannungen auszuhalten. Das sind genau die Kompetenzen, die wir heute dringend brauchen, egal in welchem Kontext wir arbeiten. Insofern ist diese Position, bei aller Widersprüchlichkeit, auch eine fantastische Möglichkeit der persönlichen Weiterentwicklung.
BC: Sehr geehrter Herr Milz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und freuen uns, Sie bald wieder live bei uns in Wien zu begrüßen!

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